
Es ist halb eins in der Nacht. Die Kardiologie-Station liegt weit hinter mir, die Geräusche der Monitore, das leise Quietschen der Gummisohlen auf dem Linoleum, das schwere Atmen der Patienten – alles ist noch in meinem Kopf. Ich sitze in meiner kleinen Küche in Warnemünde, der Wind von der Ostsee drückt gegen die Scheiben, und vor mir steht sie: „die Kleine“.
Hinweis: Mein kleiner Blog enthält Affiliate-Links, die mir eine Provision einbringen, wenn du darüber etwas kaufst. Für dich ändert sich am Preis absolut nichts. Ich teile hier nur Kurse und Erfahrungen, die ich selbst – Woche für Woche, oft müde nach der Schicht – ausprobiert habe. Hier ist meine vollständige Offenlegung.
Vor acht Monaten stand dieses Instrument noch auf einem Flohmarkt in Güstrow, eingequetscht zwischen einem alten Kupferkessel und einer verstaubten Briefmarkensammlung. 45 Euro habe ich bezahlt. Ich hatte keinen Plan, keine Notenkenntnisse, einfach nur dieses Gefühl, dass dieses traurige Ding im Regal eine Aufgabe braucht. Heute weiß ich: Nicht das Instrument hatte eine Aufgabe gesucht, sondern ich. Etwas, das nichts mit Patientenakten oder Vitalwerten zu tun hat. Etwas, das nur mir gehört.
Die Stille nach der Kardiologie: Wenn die Finger noch pulsieren
Wenn ich nach einer Spätschicht nach Hause komme, sind meine Hände oft noch im „Arbeitsmodus“. Sie haben Infusionen gewechselt, Betten geschoben, Hände gehalten. Sie sind steif und ein bisschen zittrig vor Müdigkeit. Aber wenn ich mich für etwa 10 Minuten mit der Ziehharmonika hinsetze, passiert etwas Seltsames. Das kühle Metall der Knöpfe unter den Fingerspitzen wirkt wie ein Anker.
Am Anfang dachte ich, die zwei Reihen auf der rechten Seite seien mein größtes Problem. Warum sind es zwei? Warum klingen sie unterschiedlich, je nachdem, ob ich den Balg ziehe oder drücke? Es fühlte sich an wie die ersten Tage auf einer neuen Station: Man sieht die Ordnung, versteht aber die Logik dahinter noch nicht. Ich habe oft darüber geschrieben, wie das Spielen der Ziehharmonika beim Einschlafen nach der Nachtschicht hilft, aber um wirklich Musik zu machen, musste ich verstehen, wie diese zwei Reihen miteinander reden.

Das Rätsel der zwei Reihen: Eine logische Verwirrung
Meine kleine Ziehharmonika ist eine diatonische Ziehharmonika. Das bedeutet, sie ist wechseltönig. Wenn ich einen Knopf in der ersten Reihe drücke und den Balg ziehe, kommt ein Ton. Drücke ich denselben Knopf und schiebe den Balg zusammen, kommt ein anderer. Das war am Anfang purer Stress für mein Gehirn. Es ist, als müsste man gleichzeitig Blutdruck messen und eine komplizierte Medikamentenliste abgleichen – zwei völlig unterschiedliche Bewegungen, die ein gemeinsames Ziel haben.
Die zwei Reihen sind meist im Quintabstand gestimmt. Das klingt nach Musiktheorie, die ich nicht verstehe, aber für mich bedeutet es einfach: Die innere Reihe ist der „Nachbar“ der äußeren. Wenn ich auf der äußeren Reihe nicht weiterkomme, finde ich oft in der inneren Reihe den passenden Ton, der die Melodie rund macht. Vor etwa drei Monaten verbrachte ich ganze Nächte damit, nur herauszufinden, warum manche Lieder auf der äußeren Reihe so „abgehackt“ klingen. Der Wechsel zwischen den Reihen ist der Schlüssel. Es ist wie die Übergabe im Krankenhaus: Wenn sie nicht fließend ist, geht die Information – oder eben die Melodie – verloren.
Ich habe gelernt, dass man die Reihen nicht als getrennte Welten betrachten darf. In den ersten 21 Lektionen vom Ziehharmonika Anfängerkurs (Harmonicademy) wird das sehr schön kleinteilig erklärt, aber die echte Erkenntnis kam mir erst, als ich anfing, die Reihen als eine Einheit zu sehen. Man darf keine Angst vor dem „Sprung“ haben.
Warum ich aufgehört habe, die Hände zu trennen (Die neuronale Kopplung)
Hier kommt mein ganz persönlicher Tipp, meine „Pfleger-Intuition“, wenn man so will: Ignoriere den Rat, erst wochenlang nur die rechte Hand und dann wochenlang nur die linke Hand zu üben. Ich weiß, viele Lehrer sagen das. Aber in der Pflege lernen wir auch nicht, wie man eine Spritze hält, ohne gleichzeitig auf den Patienten zu achten. Wir lernen die Handlung als Ganzes.
Das gleichzeitige Spiel von Anfang an trainiert die neuronale Kopplung der Bass- und Diskantbewegungen viel effizienter. Wenn ich nur rechts übe, gewöhnt sich mein Gehirn an eine Freiheit, die es später, wenn der Bass dazu kommt, schmerzlich vermisst. Es ist viel schwieriger, den Bass später „dranzukleben“, als von Anfang an beide Seiten – und seien es nur zwei Töne – zusammen zu führen. Ein tiefes, unbewusstes Ausatmen überkommt mich jedes Mal, wenn der erste saubere Bass-Akkord die Anspannung des Klinikalltags verdrängt. Das passiert nur, wenn beide Hände wissen, dass sie zusammengehören.
Natürlich klappt das nicht sofort. An einem kühlen Sonntag im August saß ich hier und wollte einfach nur einen einfachen Walzer spielen. Mein linker Mittelfinger fand den Bass-Knopf nicht, und rechts verhedderte ich mich zwischen der ersten und zweiten Reihe. Ich habe das Instrument nach fünf Minuten weggelegt. Meine Finger wollten nach einer Doppelschicht einfach nicht mehr einzeln arbeiten. Das ist okay. Geduld mit sich selbst ist genauso wichtig wie Geduld mit einem schwierigen Patienten.

Der Durchbruch: Wenn der Bass die Melodie stützt
Vor zwei Wochen hatte ich diesen Moment, auf den ich acht Monate gewartet habe. Ich habe verstanden, wie man den Wechsel von der C- zur F-Reihe (so heißen die wohl bei mir) beim Ziehen des Balgs nutzt, um eine kleine Melodie zu stützen. Es war kein zielloses Drücken mehr. Es fühlte sich an wie eine strukturierte Routine, fast wie die Morgenrunde auf Station, bei der jeder Handgriff in den anderen greift.
Was mir dabei enorm geholfen hat, war die Flexibilität von meineMusikschule Akkordeon [Flexibles Abo]. Da ich im Schichtdienst arbeite, kann ich keine festen Termine in einer Musikschule wahrnehmen. Ich brauche jemanden, der mir um zwei Uhr nachts erklärt, wie ich den Balg führen muss, ohne dass meine Nachbarin wieder an die Wand klopft. (Sie hat sich am Anfang beschwert, aber mittlerweile, glaube ich, mag sie die leisen Melodien, die durch die Wand dringen.)
Besonders die Herausforderung bei wechseltönigen Instrumenten ist das Management der Luft. Wenn man auf beiden Reihen spielt, verbraucht man unterschiedlich viel Luft. Man lernt mit der Zeit, wann man „atmen“ muss – also den Balg die Richtung wechseln lässt. Das ist wie beim Sprechen: Man macht eine Pause, wenn der Satz zu Ende ist, nicht mitten im Wort.
Die zwei Reihen im Detail: Tipps für das erste Zusammenspiel
Wenn du auch gerade erst anfängst und vor diesen zwei Knopfreihen sitzt wie vor einer fremden Hieroglyphenschrift, hier sind meine Beobachtungen aus den letzten Monaten:
- Der Anker-Finger: Such dir einen Knopf, den du blind findest. Bei mir ist es der dritte Knopf in der ersten Reihe. Von dort aus taste ich mich vor.
- Bass-Dominanz: Lass den Bass den Takt angeben. Wenn der linke Arm den Rhythmus hält, finden die Finger rechts den Weg fast von allein. Das ist wie das rhythmische Klopfen bei der Herzdruckmassage – der Takt ist alles.
- Keine Angst vor Fehlern: Wenn ein Ton schief klingt, nenne ich ihn einen „Zwischenton“. In der Musik ist es wie im Leben: Manchmal muss man kurz falsch abbiegen, um den richtigen Weg zu finden.
- Die Lufttaste: Lerne sie frühzeitig kennen. Sie ist dein Sicherheitsventil, wenn dir der „Atem“ im Balg ausgeht.
Ich habe auch gemerkt, dass erste Übungen auf der zweireihigen Ziehharmonika für Anfänger oft zu kompliziert gedacht sind. Manchmal reicht es, einfach nur zwei Knöpfe zu finden, die gut zusammen klingen, und diese für fünf Minuten zu halten. Nur um das Vibrieren des Holzes an der Brust zu spüren.

Meine Sonntagsroutine: Kaffee, Kalle und die Kleine
Es ist jetzt Sonntagmorgen. Der Kaffee in meiner alten Ikea-Tasse dampft, und die Sonne blinzelt über die Dächer von Warnemünde. Mein Hund Kalle schläft unter meinem Stuhl. Er ist mein treuester Zuhörer – er geht nur weg, wenn ich den Moll-Bass zu heftig erwische, der klingt immer noch ein bisschen wie ein Nebelhorn im Sturm.
Ich bin keine Musikerin. Ich bin eine 42-jährige Frau, die spät im Leben entdeckt hat, dass Lernen weh tun darf, aber auch heilen kann. Diese 45 Euro aus Güstrow waren die beste Investition meines Lebens. Wenn ich heute auf die Woche zurückblicke, sehe ich nicht nur die anstrengenden Stunden auf der Kardiologie. Ich sehe diesen einen Moment am Mittwochabend, an dem ich drei Minuten lang eine Melodie halbwegs fehlerfrei hinbekommen habe.
Falls du auch zögerst, weil du denkst, du bist zu alt oder zu unmusikalisch: Fang einfach an. Such dir ein Portal, das zu deinem Leben passt, so wie ich es mit meineMusikschule Akkordeon getan habe. Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, dass sich die zehn Minuten auf diesen Knöpfen besser anfühlen als jede Staffel Netflix. Es geht um dieses tiefe Ausatmen, wenn der Bass einsetzt und die Welt da draußen für einen Moment stillsteht.
Nächste Woche will ich mich mal an den Wechselbass wagen, ohne dass meine Finger sich verknoten. Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Sonntag.