Zweireihige Ziehharmonika reinigen: Tipps für alte Instrumente vom Flohmarkt

Kleiner Flohmarkt-Fund, großes Pfandhaus-Stück

Margrets Bassknöpfe wiegen in der Hand merklich mehr als meine, und genau dieser Unterschied entscheidet inzwischen, wie ich beide Instrumente überhaupt anfasse. Ihr Akkordeon stammt aus einem Pfandhaus in Lübeck, meine kleine diatonische Ziehharmonika von einem Flohmarkt-Fund, beide gebraucht, beide mit eigener Geschichte, aber mit völlig unterschiedlichen Ansprüchen an die Pflege. Ziehharmonika-Pflege ist für mich seitdem keine einzige Anleitung mehr, die für jedes Instrument gilt, sondern eine Abwägung: Was bei der Kleinen reicht, kann bei einem schwereren, größeren Instrument zu wenig sein, oder umgekehrt zu viel.

Margret Schüll heißt die Leserin, die mir das überhaupt bewusst gemacht hat. Sie fand meinen Blog mitten in der Nacht, weil sie als Musik-Anfängerin ohne Lehrer dasteht und wissen wollte, wie man ein gebrauchtes Instrument überhaupt sauber und spielbar hält. Ihr Akkordeon ist spürbar größer und schwerer als meine Kleine, mit einer durchgehenden Tastatur statt zwei Knopfreihen, und sie schrieb mir, sie wolle so geduldig werden, wie ich in meinen Texten klinge, ein Anspruch, den ich selbst an manchen Abenden nach der Spätschicht nicht erfülle.

Bei der Tastenbelegung liegt schon der erste Unterschied: meine Kleine hat zwei Knopfreihen für die Melodie, Margrets Akkordeon eine Klaviertastatur, und wer beide nebeneinander reinigt, merkt schnell, dass sich der Dreck an völlig verschiedenen Stellen sammelt.

Was jede Instrumentenpflege zuerst braucht

Ein weicher Pinsel, ein trockenes Tuch, vielleicht ein einziges Wattestäbchen: Mehr braucht keines der beiden Instrumente, egal wie unterschiedlich sie sonst sind. Wasser in der Mechanik ist bei beiden tabu, ob unter Kunststoffknöpfen wie bei mir oder unter den Tasten von Margrets Akkordeon.

Ziehharmonika-Pflege in Nahaufnahme: weicher Pinsel reinigt die Knopfreihen eines alten Flohmarkt-Akkordeons

Griffschrift oder Noten spielen beim Putzen selbst keine Rolle, aber wer wie ich anfangs keine klare Vorstellung vom Unterschied zwischen Ziehharmonika und Akkordeon hatte, sollte wissen: Die Basslinie der linken Hand sitzt bei beiden Systemen anders, und genau dort sammelt sich bei mir der meiste Staub.

Der Fingersatz der rechten Hand verrät sich beim Putzen fast von selbst, an den Knöpfen, die glänzender sind als die daneben, ähnlich wie sich beim Blutabnehmen nach einer Weile die Nadel fast von selbst führt, ohne dass ich noch bewusst darüber nachdenke.

Balg, Gewicht und Material: die Trennlinie zwischen beiden

Karton, Leder und Leinen bilden den Balg meiner Kleinen, leicht und schnell in der Hand gedreht. Margrets Balg ist massiver gebaut, mehr Falten, mehr Fläche, und braucht dadurch auch mehr Zeit beim Abwischen der Kanten. Wechselbass spielt sie ohnehin noch nicht, aber schon beim Reinigen merkt sie, wie viel mehr Luft ihr Instrument bewegt.

Instrumentenrestaurierung im Detail: Balg aus Leder und Karton einer alten zweireihigen Ziehharmonika

Wie ich in meinem Bericht über das Leben mit Ziehharmonika in einer Mietwohnung schon beschrieben habe, klingt ein frisch gereinigtes Instrument durch dünne Wände anders als ein verstaubtes, wärmer vielleicht, jedenfalls auffälliger.

Meine Kleine hat ein Gehäuse aus Zelluloid, ein Material, das bei falscher Lagerung brüchig werden kann. Margrets Akkordeon ist anders verkleidet, robuster im Alltag, aber schwerer zu durchschauen, wenn irgendwo ein Riss beginnt.

Die Grenzen der Selbstreinigung

Man sollte alte Instrumente nicht auseinanderschrauben, um sie von innen glänzend zu bekommen. Bei beiden würde ich sagen: nein. Das ist die gleiche Grenze bei jeder Instrumentenrestaurierung, ob Flohmarkt-Fund oder Pfandhaus-Stück: Was innen liegt, reagiert empfindlich auf Feuchtigkeit und auf zu viel gut gemeinten Ehrgeiz, und eine gründliche Balgkontrolle von außen sagt oft schon genug darüber, ob im Inneren etwas nicht stimmt, so wie ich auf Station am äußeren Zustand eines Patienten manchmal schon ahne, was innen nicht stimmt, bevor ein Gerät es bestätigt.

Bei mir kam nach der Oberflächenreinigung eine feine Intarsie zum Vorschein, ein Muster, das jahrzehntelang unter Staub verschwunden war. Margret hat bei ihrem Akkordeon noch nichts dergleichen entdeckt, aber sie sucht seitdem genauer hin.

Ein Stift rollt über den Boden

Am Anfang habe ich einfach draufgeputzt, ohne jedes System, so wie ich am Anfang auch draufgespielt habe, ohne Plan und ohne Reihenfolge. Beides ist mir um die Ohren geflogen.

Beim Abwischen einer Gehäusekante löste sich ein winziger Stift, der das Oberteil mit dem Balg verbindet, und rollte mit einem hellen Geräusch über den Boden. Zehn Minuten lang lag ich mit der Taschenlampe unter dem Tisch, bis ich ihn in einer Ritze der Dielen wiederfand.

Ruperta, die eine Etage über mir wohnt und für alle Fälle einen Schlüssel zu meiner Wohnung hat, stand genau in diesem Moment vor der Tür und wollte nur kurz etwas vorbeibringen. Sie hat mit mir gesucht, ohne zu fragen, warum eine ganze Ziehharmonika in Einzelteilen auf dem Tisch liegt.

Wann du selbst ran darfst und wann nicht

Wenn dein Instrument klein und leicht ist wie meine Kleine, kannst du dich mit Pinsel und trockenem Tuch relativ frei herantasten, Fehler sind selten folgenschwer. Ist es groß und schwer wie Margrets Akkordeon aus dem Pfandhaus, würde ich vorsichtiger vorgehen und lieber einen Bereich zu wenig anfassen als einen zu viel, weil ein größeres Instrument auch größere Reparaturen nach sich zieht, wenn etwas schiefgeht.

Nach dem Putzen probiere ich beide Instrumente kurz aus, mehr aus Neugier als aus Systematik. Die Spielhaltung ändert sich mit einem schwereren Instrument spürbar, der Gurt zieht anders, und die Handkoordination muss sich neu einpendeln. Nach Gehör spiele ich sowieso, Noten kann ich bis heute nicht lesen, aber das Taktgefühl merkt sofort, ob ein Knopf nach der Reinigung leichter kommt als vorher. Margrets Akkordeon hat außerdem dieses leise Tremolo, diese Schwebung im Ton, die meiner Kleinen komplett fehlt, und die beim Testspielen nach der Reinigung besonders klar zu hören war.

Wenn ich abends im Dunkeln noch kurz über die Bassknöpfe taste, klickt jeder einzelne so leise, dass ich ihn eher spüre als höre. Margrets größeres Akkordeon macht dieses Geräusch offenbar auch, nur gedämpfter, hat sie mir geschrieben, und genau solche kleinen Beobachtungen sind es, die am Ende mehr über ein Instrument verraten als jede allgemeine Anleitung.

Wer nach dem Putzen merkt, dass sie oder er mehr über das Innenleben des eigenen Instruments wissen möchte, als ich hier in ein paar Absätzen erklären kann, findet in meinem Bericht zum Harmonicademy-Abo ein paar weiterführende Gedanken dazu. Am Ende bleibt bei mir dieselbe Regel für beide Instrumente: lieber zu vorsichtig als zu gründlich, lieber einmal öfter mit dem trockenen Pinsel als einmal zu oft mit Wasser oder Reinigungsmittel. Zwei Instrumente, zwei Geschichten, aber am Ende gilt für beide dasselbe Maß an Geduld.

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