
Das Notenheft aus dem Musikladen liegt bis heute ungeöffnet im untersten Regalfach. Ich habe es mir gekauft, kurz nachdem ich als Akkordeon-Anfängerin ohne jede Vorbildung zu üben angefangen hatte, weil ich dachte, das gehört einfach dazu, wenn man Ziehharmonika lernen will. Zwei Seiten reingeschaut, dann wieder zugeklappt, die Zeichen darin haben mir schlicht nichts gesagt. Für jemanden, die seit einem Jahr nach der Spätschicht die 'Kleine' vom Trödelmarkt aus dem Regal holt, weil Musik als Ausgleich näher am Feierabend liegt als alles andere, war das kein guter Einstieg. Genau daraus ist ein Missverständnis entstanden, das mir seitdem oft begegnet: Man müsse sich früh entscheiden, ob man nach Griffschrift oder nach Gehör lernt, sonst mache man alles falsch.
Der Mythos: Ohne Noten kann man keine Ziehharmonika lernen
Dieser Gedanke hält vermutlich einige Späteinsteiger vom Instrument fern, dabei ist er schlicht falsch. Wer als Erwachsener ohne Musikschule und ohne Notenkenntnis anfängt, braucht keine klassische Ausbildung, um brauchbare Melodien hinzubekommen. Griffschrift und Gehör sind zwei Werkzeuge für dieselbe Aufgabe, keine Weltanschauungen, zwischen denen man sich entscheiden muss. Nicht die Wahl des Werkzeugs ist das Problem. Das Problem ist der Glaube, man müsse sich für immer auf eines festlegen.
Bei einem diatonischen Instrument mit zwei Melodiereihen kommt erschwerend hinzu, dass derselbe Knopf beim Ziehen einen anderen Ton liefert als beim Drücken, das macht reines Gehör-Spiel am Anfang zäh. Griffschrift wirkt für Menschen ohne musikalische Vorbildung deshalb oft wie die freundlichere Tür: Sie zeigt am Ende nur, welchen Knopf man drückt und in welche Richtung der Balg dabei geht, mehr nicht.

Warum Griffschrift für Anfänger ohne Vorkenntnisse leichter ist
Wer ohne Lehrerin anfängt, so wie ich es getan habe, hat niemanden, der über die Schulter schaut und sofort korrigiert, wenn die rechte Hand einen falschen Finger nimmt. Griffschrift übernimmt einen Teil dieser Kontrolle: Sie sagt Knopf für Knopf, was zu tun ist, ähnlich wie eine Stationsroutine, der man folgt, bis die Hand sie irgendwann von selbst kennt. Ich habe damals Kurse wie Akkordeon lernen für Erwachsene über Onlinekurse ausprobiert, weil nach der Spätschicht niemand mehr da ist, den ich anrufen kann, um mir etwas zu erklären. Für die linke Hand war das besonders wichtig, weil ich am Anfang keine Ahnung hatte, welcher Bassknopf welchen Ton macht, auch wenn das eigentliche Zusammenspiel der Bassreihe noch mal ein ganz eigenes Kapitel für sich ist. Wie man die acht Knöpfe sicher greift, ohne hinzusehen, hängt außerdem an der Haltung, am Gurt, daran, wie das Instrument auf dem Schoß liegt, aber das würde hier zu weit führen.
Wo das Gehör übernehmen muss
Griffschrift bringt einen aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Eine Melodie, die schon im Kopf sitzt, weil man sie hundertmal im Radio gehört hat, lernt sich über das Gehör oft schneller als über ein Blatt Papier, auf dem jeder Ton erst wieder in eine Fingerbewegung übersetzt werden muss. Neulich stand die Nachbarin am Briefkasten und meinte, das habe sich in letzter Zeit richtig schön angehört, ausgerechnet sie, die sich am Anfang wegen meiner schiefen Töne beschwert hatte. Das saß tagelang wie ein kleines Kompliment. Beim Gehör-Spiel merke ich aber auch am schnellsten, wo die Koordination zwischen beiden Händen noch fehlt, weil man sich so auf die Melodie rechts konzentriert, dass links plötzlich der falsche Bass kommt oder der Balg leer ist. Manchmal, wenn ich in die falsche Richtung ziehe, quietscht der Ton hell auf und kippt regelrecht von der Spur, ein Geräusch, das mittlerweile fast ehrlich wirkt, weil es sofort zeigt, woran es gerade hakt. Ein sauberes Taktgefühl entwickelt sich dabei fast nebenbei, auch wenn das wieder ein eigenes Thema für sich ist.
Griffschrift oder Gehör: Reicht eine Methode allein?
Nein, und genau das ist der Kern des Missverständnisses. Reine Griffschrift-Spieler klingen oft hölzern, weil sie so sehr auf das Blatt starren, dass sie dem eigenen Klang nicht mehr zuhören. Reine Gehör-Spieler wiederum verzetteln sich häufig in der Wechselbass-Begleitung der linken Hand, weil ohne Anhaltspunkt schwer zu sagen ist, welcher Knopf als Nächstes drankommt. Am Ende beschreiben Griffschrift und Gehör sowieso dieselbe Tastenbelegung, nur von zwei Seiten aus: einmal als Knopfnummer auf dem Papier, einmal als Tonhöhe im Ohr. Es ist ein bisschen wie beim Blutdruckmessen auf Station: Die Zahl auf dem Display sagt etwas, aber das Gefühl für den Puls des Patienten bekommt man nur, wenn man wirklich hinhört und mit den Fingern mitfühlt. Balgkontrolle gehört in dieses Zusammenspiel genauso hinein wie die Frage, ob man eine zweireihige Ziehharmonika oder ein vollwertiges Akkordeon vor sich hat, aber auch das sind eigene Baustellen für sich.
Digitale Hilfen ergänzen beide Wege
Digitale Hilfen wie Akkordeon lernen per App oder Online Kurs haben mir geholfen, Rhythmus und Klang zu trainieren, ohne ständig nur auf Papier zu starren, gerade weil man dort oft hört, wie ein Stück klingen soll, bevor man es selbst hinbekommt. Bei meiner Ziehharmonika vom Trödelmarkt kommt dazu, dass sie regelmäßige Pflege braucht, auch das ist wieder ein eigenes Thema für sich, genauso wie das leichte Schweben im Ton, das manche Leute an alten Akkordeons lieben und andere eher stört. Für mich zählt am Ende, dass ich beides brauche: die Griffschrift als Gerüst und das Gehör als Korrektiv.
Meine klare Antwort für Späteinsteiger
Für den ersten Zugang ist Griffschrift die leichtere Tür, weil sie ohne jede Theorie funktioniert und sofort ein kleines Erfolgserlebnis gibt. Sobald eine Melodie aber schon vertraut im Kopf sitzt, lohnt es sich, das Blatt bewusst wegzulegen und nach Gehör weiterzumachen, weil das Ohr an der Stelle schneller ist als das Auge. Als Faustregel merke ich mir: neue, fremde Stücke gehen über Griffschrift, bekannte Melodien gehen übers Ohr. Wer glaubt, sich für immer auf eine Seite schlagen zu müssen, verbaut sich unnötig die Hälfte der Möglichkeiten. Man braucht dafür keine Musikschule und keine nachgeholte Theorie, nur die Bereitschaft, zwischen beiden Wegen zu wechseln, je nachdem, was ein Stück gerade braucht.