
3,5 Kilo wiegt meine kleine Ziehharmonika – nicht viel, würde man meinen, bis man sie eine halbe Stunde lang komplett falsch trägt und der Rücken sich anfühlt, als hätte jemand einen nassen Rucksack draufgeschnallt. Kein Ziehharmonika-Anfängerkurs redet genug darüber, aber Ergonomie entscheidet am Ende, ob dein Rücken das Selbststudium übersteht oder ob du irgendwann entnervt aufgibst.
Der größte Irrtum, dem ich ständig begegne: Gute Haltung heißt kerzengerade sitzen, Schultern nach hinten, Kinn hoch, wie im Musikunterricht früher. Das Gegenteil ist richtig für die Rückengesundheit. Wer sich bei der Ziehharmonika stocksteif hinsetzt, verkrampft binnen Minuten, und genau diese Verkrampfung ist es, die am Ende in Schulter, Nacken oder Handgelenk wehtut, nicht das Instrument selbst.
Ergonomie statt kerzengerader Rücken
Heinrich aus Stralsund hat mir neulich nur geschrieben: „Rücken kaputt. Warum." Kurz und knapp, wie fast immer bei ihm. Und die Antwort ist fast immer dieselbe: Irgendjemand hat ihm gesagt, er solle sich gerade hinsetzen.
Ich habe mir aus genau diesem Grund einmal eine Einzelstunde bei einer Musikschule gegönnt, extra für die Haltung. Günstig war das nicht. Die Lehrerin hat mir als Erstes gesagt, ich solle den Rücken durchdrücken und das Kinn anheben, also exakt die Haltung, die mir hinterher tagelang im rechten Schulterblatt gezogen hat. Bezahlter Rat, der mich mehr gekostet hat, als er geholfen hat.
Aus der Klinik kenne ich das Prinzip andersherum. Wenn man einen Patienten falsch hebt, mit starrem Rücken und angespannten Schultern, tut es sofort weh. Der Trick ist nie, sich noch fester zu machen, sondern locker und beweglich zu bleiben. Bei der Ziehharmonika ist es genau dasselbe, nur merkt man den Fehler eben erst nach zehn Minuten Üben statt sofort.
Warum die Gurte nie symmetrisch sitzen sollten
Die Gurte sind der erste Ort, an dem der Mythos vom geraden Rücken zusammenbricht. Der rechte Gurt muss ein kleines Stück länger sein als der linke, sonst hängt die Tastatur schief unter dem Kinn statt mittig vor der Brust, und man beugt sich automatisch vor, um die 21 Melodieknöpfe überhaupt im Blick zu behalten.
Das Instrument gehört außerdem auf den linken Oberschenkel, nicht frei in der Luft gehalten wie ein Rucksack. Wenn ich morgens zum ersten Mal den Balg auseinanderziehe, kommt mir dieser warme, ledrige Geruch entgegen, fast wie aus einer alten Truhe, für einen Moment vergesse ich dann, worüber ich mich eigentlich beschweren wollte. Aber sobald der Balg zieht, muss das Gewicht auf dem Bein ruhen, nicht in den Schultern.
Die alten Lederriemen spielen dabei auch eine Rolle. Sind sie zu hart, schneiden sie ein, und wie man so ein Instrument vom Flohmarkt überhaupt pflegt, hatte ich schon einmal in Zweireihige Ziehharmonika reinigen: Tipps für alte Instrumente vom Flohmarkt beschrieben. Hier soll es nur um die paar Zentimeter Leder gehen, die bei falscher Einstellung an der Schulter reiben.

Der Blick nach unten kostet mehr als er bringt
Mein zweiter Irrtum war der Blick. Ich wollte die Finger sehen, also habe ich den Kopf immer weiter nach vorne gebeugt, um sowohl die Knöpfe rechts als auch die 8 Bassknöpfe links im Auge zu behalten. Nach einer Viertelstunde brannte der Nacken.
Elsbeth, die bei uns die Frühschicht macht, hat mich neulich dabei erwischt, wie ich mir im Dienstzimmer die Schulter gerieben habe. Sie meinte nur: „Dann sitz halt anders hin." Kein Mitleid, keine Rückfrage, einfach diese eine pragmatische Feststellung, und sie hatte natürlich recht.
Blind tasten hilft mehr, als es sich anfühlt. Beim Blutabnehmen weiß die Hand irgendwann auch von selbst, wo die Vene liegt, ohne dass man starr hinsieht. Sobald ich den Kopf gerade halte, statt über den Balg zu hängen wie ein Fragezeichen, entspannt sich der ganze Oberkörper, auch wenn es anfangs gruselig ist, weil man denkt, man trifft keinen Ton mehr.

Locker lassen, wo andere zupacken
Auch die Vorstellung, man müsse still sitzen wie eine Statue, stimmt nicht. Ein leichtes Mitwiegen des Oberkörpers, fast wie ein sehr langsamer Tanz im Sitzen, verhindert Verspannung viel besser als starres Verharren. Beim Ziehen neige ich mich minimal mit, beim Drücken komme ich zurück. Das nimmt den Druck von der Wirbelsäule.
Der Einstieg ganz ohne Lehrer verlangt sowieso schon genug Mut, Schmerzen sollten da nicht auch noch mit auf der Rechnung stehen. Durch den Harmonicademy Abo Test habe ich zum Beispiel mitbekommen, dass selbst in den Lehrvideos dort am Ende vor allem eins zählt: keine Schmerzen. Jeder Körper reagiert anders.
Die linke Hand ist der zweite Ort, an dem festes Zupacken schadet. Die 8 Bassknöpfe brauchen kaum Kraft, aber wenn der Riemen zu stramm sitzt, klemmt er die Durchblutung ab. In der Pflege nennen wir sowas Fingerspitzengefühl, einen Verband darf man weder zu fest noch zu locker wickeln. Bei der Handschlaufe ist es genauso: locker genug, dass die Hand durchgleiten kann, fest genug, dass der Kontakt beim Aufziehen bleibt.

Neulich, nach einer Nachtschicht, saß ich draußen auf dem klapprigen Kunststoffstuhl und spielte zehn Minuten. Erst als ich aufhörte, fiel mir auf: Meine Schultern waren die ganze Zeit unten geblieben, ganz von selbst, ohne dass ich extra daran gedacht hätte. Genau das ist das Ziel, nicht perfekte Haltung, sondern eine, die man irgendwann vergisst, weil sie keine Anstrengung mehr kostet.
Diese Haltung ist erst der Anfang
Was ich hier beschreibe, klärt nur, wie du schmerzfrei sitzt oder stehst. Mehr nicht. Griffschrift lesen, die Balgkontrolle beim Verklingen eines Tons, die Basslinie in der linken Hand, der Wechselbass, die Tastenbelegung der zweiten Reihe, das sind eigene Baustellen für sich.
Genauso der Fingersatz der rechten Hand, die Koordination beider Hände miteinander, das Taktgefühl oder die Frage, ob du nach Gehör spielst statt nach Noten. Der schwebende Tremolo-Klang mancher Modelle hat mit alldem sowieso nichts zu tun, das ist reine Bauart. Der Unterschied zwischen Ziehharmonika und Akkordeon ist übrigens auch nochmal eine ganz andere Frage als die, wie man das Ding überhaupt hält.
Wenn du unsicher bist, ob deine Haltung passt, reicht ein einfacher Test: Leg mitten im Spielen kurz eine Hand auf die eigene Schulter. Ist sie hochgezogen und hart, korrigierst du sofort, Gurte lockern, Schultern sinken lassen, minimal mitschaukeln. Das ist die Faustregel, die bei mir seitdem bleibt. Rückengesundheit fängt für mich genau an diesem Punkt an, nicht bei der Frage, wie kerzengerade man aussieht.