
Ein großes Piano-Akkordeon kann zehn bis fünfzehn Kilo wiegen, meine kleine zweireihige Ziehharmonika trage ich mit einer Hand die Treppe hoch. Genau an diesem Gewicht hängt für mich der Unterschied zwischen Ziehharmonika und Akkordeon, nicht nur am Klang, sondern daran, was der Rücken nach einer Schicht auf der Kardiologie noch mitmacht. Instrumentenkunde für Erwachsene, die nie eine Musikschule von innen gesehen haben, fängt für mich genau hier an, beim Körper, nicht bei der Musiktheorie.
Bevor es weitergeht, kurz die Offenlegung: Ich schreibe hier aus eigener Erfahrung und verlinke dabei Affiliate-Links. Bucht jemand darüber einen Kurs, bekomme ich eine kleine Provision, am Preis für dich ändert sich nichts. Empfohlen wird nur, was ich selbst ausprobiert und für brauchbar befunden habe.
Zwei Reihen, zwei Töne: Was eine Ziehharmonika von einem Akkordeon trennt
Meine Ziehharmonika ist wechseltönig: Drücke ich eine Taste beim Ziehen, kommt ein anderer Ton heraus als beim Drücken des Balgs. Zug und Druck sind bei ihr wie Ein- und Ausatmen im Nachtdienst – zwei Bewegungen, die zusammengehören, aber nie denselben Ton ergeben. Ein klassisches Akkordeon, meistens das mit den Klaviertasten, ist dagegen gleichtönig. Ziehen oder Drücken macht keinen Unterschied, der Ton bleibt derselbe. Dazu kommt: Meine Ziehharmonika ist diatonisch, sie kennt nicht alle 12 Halbtöne wie ein Klavier, sondern nur eine Auswahl, die zusammenpasst. Konkret hat die Kleine 21 Melodieknöpfe auf der rechten Seite und 8 Bassknöpfe auf der linken – deutlich weniger als ein Akkordeon mit durchgehender Tastatur, aber genau richtig für jemanden, der nie Noten gelernt hat.

Warum in der Nachbarschaft jeder etwas anderes meint
Manche nennen mein Instrument Ziehharmonika, andere sagen Schifferklavier, wieder andere werfen einfach Akkordeon für alles hin, was Falten hat und Töne macht. Genau genommen ist Ziehharmonika eher ein Oberbegriff für wechseltönige Knopfinstrumente wie die Steirische oder meine Zweireihige. Ein Akkordeon dagegen wirkt fast immer größer, schwerer, wie ein kleines Orchester, das man sich vor die Brust schnallt. Eine Nachbarin von mir geht jeden Sonntag Nordic Walking durch den Küstenwald bei Warnemünde, um den Rücken nach der Woche gerade zu halten. Bei mir übernimmt diese Aufgabe inzwischen die leichte Ziehharmonika statt eines schweren Akkordeons.
Das Gewicht, das man erst nach der Doppelschicht merkt
Zehn bis fünfzehn Kilo klingen erstmal nach einer abstrakten Zahl, bis man selbst am Ende einer Doppelschicht die Arme kaum noch heben kann. Für jemanden mit Rückenproblemen oder mit einem Job, der sowieso schon auf den Beinen stattfindet, ist so ein Gewicht keine Kleinigkeit, sondern eine echte Hürde. Die Kleine dagegen wiegt fast nichts, ich kann sie zehn Minuten lang halten, ohne dass die Schultern brennen. Falsch mache ich trotzdem genug: Greife ich beim Ziehen die falsche Taste, kippt der Ton in ein helles, fast quietschendes Aufheulen, das mich jedes Mal zusammenzucken lässt wie ein falscher Alarm auf Station. Balgkontrolle nennt man das, was mir dabei noch fehlt, und daran arbeite ich weiter.

Wie ich ohne Noten überhaupt reinkam
Ich habe nie Noten lesen gelernt, im Schulchor hab ich nur die Lippen bewegt und gehofft, dass es keiner merkt. Also kaufte ich mir im Musikladen ein Notenheft, in der Annahme, damit ginge es schneller – stattdessen saß ich abends vor Notenzeilen, die für mich aussahen wie eine fremde Handschrift, und legte das Heft nach zwei Abenden wieder weg. Was mir stattdessen half, war eine sogenannte Griffschrift, eine Art Tabulatur für die Knöpfe statt für klassische Noten. Von da an ging es spürbar leichter. In der fünften Woche mit dem Kurs kam ich zum ersten Mal ganz durch "Kein schöner Land", ohne an einer Stelle hängenzubleiben – mitten in der Nacht nach der Schicht, mit heißen Wangen vor Konzentration und dem Gefühl, dass die Finger jetzt selbst wissen, wohin sie wollen.
Richtig strukturiert wurde es erst, als ich mich für den Ziehharmonika Anfängerkurs von Harmonicademy entschieden habe. Kein Notenlesen, sondern Schritt für Schritt nach Griffschrift, fast wie eine Einarbeitung auf einer neuen Station: klein anfangen, bis das Muskelgedächtnis übernimmt. Wer lieber in seinem eigenen Tempo stöbert, für den ist das Harmonicademy Abo vielleicht die bessere Wahl.
Andere Baustellen bleiben, das gehört dazu. Der Wechselbass, dieses rhythmische Hin und Her zwischen Grundton und Akkord in der linken Hand, sitzt bei mir noch nicht zuverlässig. Auch der Fingersatz für die rechte Hand bricht bei schnelleren Passagen gerne auseinander, ähnlich wie meine Konzentration nach der dritten Nachtschicht in Folge. Nach Gehör eine Melodie zu finden klappt inzwischen öfter als über irgendeine Anleitung, und meine Sitzhaltung beim Üben hat sich seit den ersten Wochen auch verändert, seit mir der Rücken nach der Arbeit öfter wehtut als früher. Ein Jahr übe ich jetzt ungefähr, und Handkoordination und Taktgefühl kommen langsamer als ich dachte, aber sie kommen.

Welches Instrument passt zu wem?
Wer nach einem Instrument fragt, fragt meistens zuerst nach dem Klang. Ich würde eher fragen, wie viel Kraft am Ende eines Arbeitstages noch übrig ist. Ein Akkordeon klingt oft voller, hat mehr Tasten, mehr Möglichkeiten – aber es verlangt auch mehr Rücken, mehr Übung an der linken Handseite mit den Bassknöpfen und mehr Geduld mit dem Gewicht. Die Ziehharmonika ist kleiner, eigenwilliger im Klang durch den Wechsel zwischen Zug und Druck, aber ehrlicher zu einem Körper, der tagsüber schon genug trägt. Letzten Sonntag bin ich vor der Frühschicht noch kurz durch den Barnstorfer Wald im Rostocker Stadtpark gelaufen, nur um den Kopf freizubekommen, und dabei ist mir klargeworden: Bei der Wahl zwischen beiden Instrumenten geht es weniger um Musiktheorie als darum, welches Gewicht du an einem müden Abend noch tragen willst.
Mehr zum Einstieg ohne Musikschule findest du in meinem Beitrag über Akkordeon für Anfänger: Tipps für den Einstieg ohne Lehrer. Wenn du direkt starten willst, kann ich dir den Ziehharmonika Anfängerkurs nur ans Herz legen – er hat aus meinem ziellosen Knöpfe-Drücken tatsächlich Musik gemacht.