
Salz lässt Metall zuerst matt werden, lange bevor sich Rost zeigt. Genau das beobachte ich an den Eckbeschlägen meiner zweireihigen Ziehharmonika, und genau deshalb ist Akkordeon-Pflege hier an der Ostsee ein anderes Thema als im Binnenland: Das Ostsee-Klima greift Holz, Filz und Metall gleichzeitig an, normale Instrumentenwartung reicht dafür oft nicht.
Die kurze Antwort: Trockenhalten schlägt Putzen, offene Lagerung schlägt luftdichtes Verpacken.
Erste Anzeichen: Was das Ostsee-Klima am Instrument verändert
Bevor irgendetwas rostet, wird das Metall matt. Die Eckbeschläge an meiner Ziehharmonika werden stumpf, fast wie angehaucht, lange bevor irgendwo tatsächlich Rost zu sehen ist.
Der Moll-Bass-Knopf reagiert als Erstes. Er hakt leicht, obwohl noch nichts zu hören ist, ähnlich wie man in der Pflege manchmal einen Wert im Blick behält, der noch im Normbereich liegt, aber schon die falsche Richtung nimmt.
Mein Hund schläft normalerweise durch, während ich übe. Wechselt die Luft draußen aber gerade, hebt er mitten im Stück den Kopf, als würde er die Feuchtigkeit vor mir riechen. Meistens hat er recht, kurz danach hakt auch der Bass-Knopf.

Trockenzeit vor dem Wegräumen
Direkt nach dem Spielen wird abgewischt, und zwar gründlich: nicht nur der Schweiß von den Fingern, auch die Feuchtigkeit, die sich beim Ziehen und Drücken im Balg gesammelt hat. Ein weiches Mikrofasertuch reicht, vorsichtig über Metallecken und Knöpfe geführt, fast wie die Grundpflege bei einem bettlägerigen Patienten: Man schaut in jede Falte, nicht nur über die Oberfläche.
Zehn Minuten offen auf dem Tisch stehen lassen, bevor das Instrument zurück in den Koffer oder Schrank kommt — das ist die Regel, an die ich mich mittlerweile halte. Nicht am offenen Fenster, nur offen im Raum, bis sich der Balg trocken anfühlt und nicht mehr klamm.
Wer ohnehin überlegt, eine zweireihige Ziehharmonika gebraucht kaufen zu wollen, sollte den Stellplatz in der neuen Wohnung von Anfang an mitdenken. Direkt an der Fensterseite zur See ist selten die beste Wahl, ganz gleich, wie dekorativ das aussieht.
Hilft ein fester Koffer wirklich gegen die Feuchtigkeit?
Ein Hartschalenkoffer mit ein paar Silica-Päckchen aus dem Schuhkarton hilft gegen kurzfristige Feuchtigkeit, keine Frage. Aber er ist keine Dauerlösung, wenn das Instrument dort tagelang unbewegt steht.
Von jemandem, der früher auf einem Fischkutter Ziehharmonika gespielt hat, weiß ich inzwischen: Reines Einschließen im Koffer macht das Holz eher muffig, als es zu schützen. Wird die Luft im Koffer nicht ausgetauscht, steht sie irgendwann, und das Holz nimmt genau die Feuchtigkeit auf, die es eigentlich loswerden soll.
Zwischen Gehlsdorf und der Stadtmitte, auf der Warnow-Promenade, sehe ich dasselbe Prinzip an den Geländern: Die matt gewordenen Stellen sitzen dort, wo die Luft am wenigsten zirkuliert, nicht dort, wo sie am direktesten vom Wasser herüberweht. Auch bei der Ziehharmonika kommt der Schaden eher von stehender, eingeschlossener Feuchtigkeit als von der offenen Seeluft selbst.
Wer versucht, das Instrument zu fest 'einzupacken', schadet ihm eher, als es zu schützen, ganz ähnlich wie bei der Handkoordination beim Akkordeon lernen, wo Verkrampfen mehr kaputt macht als Ungeschicklichkeit. Es braucht eine Umgebung, die Luftaustausch zulässt, aber keinen direkten Durchzug.

Erst trocknen, dann erst putzen
An der Küste ist Salzluft der eigentliche Gegner, nicht der sichtbare Schmutz. Feuchtigkeit setzt sich an den Stimmzungen fest, deshalb zählt hier Trockenhalten mehr als Putzen. Ein reines Abwischen von außen übersieht genau die Stelle, die am empfindlichsten reagiert.
Ruperta, meine Nachbarin eine Etage höher, fragte neulich, ob ich nicht einfach öfter putzen könnte, statt ständig übers Lüften nachzudenken. Sie leiht mir hin und wieder ein Sitzpolster, wenn es kühl wird, und hält meine Vorsicht bei der Ziehharmonika für ungefähr so übertrieben wie meine Vorsicht bei der Kälte.
Wenn die Pflege zu Hause nicht mehr ausreicht
Margret Schüll, eine Leserin aus Lübeck mit einem gebrauchten Instrument aus dem Pfandhaus, hat gefragt, ob dieselben Regeln auch für ihr Akkordeon gelten — es ist deutlich schwerer und größer als meine 'Kleine'.
Die Regeln bleiben gleich, unabhängig von Größe oder Gewicht: abwischen, kurz offen stehen lassen, nicht luftdicht wegsperren. Größere Instrumente haben oft mehr Metall und mehr Fläche, die auf Feuchtigkeit reagiert, also eher mehr Aufmerksamkeit als weniger. Margret nimmt das gelassen — für sie hat jedes Instrument sein eigenes Tempo, und eine träge Bassmechanik bringt sie nicht aus der Ruhe.
In einem Online-Forum für Ziehharmonika-Spieler habe ich einmal nach Ratschlägen zur Pflege bei Meeresluft gefragt. Die Antworten waren nett gemeint, aber für die Praxis kaum zu gebrauchen — die meisten schrieben aus trockenen Regionen im Binnenland und kannten das Problem gar nicht aus eigener Erfahrung.
Küstenluft ist kein Grund, das Spielen aufzugeben, nur ein Grund, anders mit dem Instrument umzugehen als jemand im Binnenland. Wer hier im Musik-Tagebuch mitliest und selbst in Meeresnähe wohnt: Wisch ab, gib der Ziehharmonika Luft zum Trocknen, und lass sie nicht in stehender Feuchtigkeit stehen. Mehr braucht es nicht, um sie durch dieses Klima zu bringen.