
Acht Bassknöpfe hat die Kleine, zwei Reihen aus vergilbtem Perlmutt, und selbst jetzt treffe ich nicht jeden davon auf Anhieb. Das war schon so, als ich sie zum ersten Mal auf dem Trödelmarkt in Güstrow in der Hand hielt – ein Instrumenten-Kauf ganz ohne Plan, eingeklemmt zwischen einem verbeulten Kupferkessel und einer Kiste alter Briefmarken. Ich hatte keine Ahnung von Musik, keine Note konnte ich lesen, und trotzdem war mir klar: Dieser Ziehharmonika-Einstieg würde nicht bei diesem einen Nachmittag bleiben.
Fünfundvierzig Euro stand auf einem handgeschriebenen Pappschild, in krakeliger Schrift, halb verblasst. Für dieses Geld habe ich schon mal einen Kaffee und ein Stück Kuchen gekauft und danach nichts mehr davon gehabt. Die Ziehharmonika dagegen ist geblieben.
Der Trödelmarkt-Fund in Güstrow
Der Trödelmarkt-Fund in Güstrow fühlte sich zuerst nicht nach einer großen Entscheidung an. Sie stand einfach da, ein bisschen schief im Regal, trauriger als ein leeres Zimmer am Ende einer Nachtschicht im November. Hochgehoben habe ich sie mehr aus Neugier als aus Plan, und das Holz war warm unter den Fingern, warm auf die Art, wie altes Holz eben ist, wenn es lange in einer geheizten Stube stand.
Riechen ist der erste Test, den ich mache, noch bevor ich überhaupt einen Ton verlange. Muffig und alt ist in Ordnung, das riecht nach Dachboden und nach Jahren im Schrank. Feucht und modrig dagegen ist ein Warnsignal, das man sofort merkt, sobald man den Balg auch nur einen Spalt öffnet.
Was der Balg verspricht
Ein Diatonisches Akkordeon lebt von seinem Balg, und wer kräftig an den Seiten zieht, um zu prüfen, ob es funktioniert, macht meistens schon den ersten Fehler. Stattdessen drücke ich keinen einzigen Knopf und ziehe ganz vorsichtig auseinander. Kommt dabei ein Ton, obwohl ich nichts gedrückt habe, verliert das Instrument Luft, ungefähr so, wie eine Blutdruckmanschette, die nicht mehr richtig schließt.
Balgkontrolle ist das Erste, was man an so einem Instrument lernt, noch bevor ein einziger Ton bewusst sitzt. Meine Kleine hielt Widerstand, kaum Luftverlust, und das war der Moment, in dem ich wusste, dass wir zusammen weitermachen würden. Wechseltönig war für mich am Anfang nur ein Wort, keine Erfahrung – dass beim Ziehen ein anderer Ton kommt als beim Drücken, musste ich erst mit den Ohren lernen, nicht mit dem Kopf.

Mein Ziehharmonika-Einstieg mit zwei Reihen und acht Knöpfen
Die Stimmplatten im Inneren müssen nicht glänzen wie neu. Mir ist inzwischen fast lieber, wenn sie ein bisschen Patina zeigen – ein Instrument, das angeblich Jahrzehnte alt ist und innen aussieht wie frisch aus der Fabrik, macht mich eher misstrauisch als sicher.
Tastenbelegung und Bassknöpfe sind bei den meisten Zweireihern ähnlich aufgebaut, aber jedes Instrument hat seine eigenen Macken, seine eigene Reihenfolge, die man erst mit den Fingern lernt, nicht mit einer Tabelle. Fingersatz für die rechte Hand kommt bei mir noch komplett aus dem Bauch, ohne System, einfach weil sich manche Griffe richtig anfühlen und andere nicht.
Im Dunkeln höre ich inzwischen ein feines Ticken, wenn der Daumen einen Knopf trifft, noch bevor überhaupt ein Ton da ist. In der achten Woche, an einem ganz gewöhnlichen Abend, fand mein Daumen zum ersten Mal den zweiten Bassknopf, ohne dass ich hinschauen musste – der Finger rutschte einfach dahin, wo er hingehörte, als hätte er das schon oft genug gemacht.
Basslinie und linke Hand sind bei mir immer noch das schwierigere Terrain, aber genau in diesem einen Moment hat sich das zum ersten Mal nicht mehr nach Suchen angefühlt. Handkoordination entsteht so, wie sie auch beim Blutabnehmen entsteht: nicht über Nacht, sondern über hundert Wiederholungen, bis die Finger den Weg kennen, ohne dass der Kopf noch mitreden muss.
Was beim Instrumenten-Kauf schiefgehen kann
Was beim Instrumenten-Kauf schiefgehen kann, zeigt sich manchmal erst Wochen später, nicht auf dem Trödelmarkt selbst. Kurz nach dem Kauf habe ich mir eine App heruntergeladen, die eigentlich für Gitarrenanfänger gemacht war, weil sie gute Bewertungen hatte und ich dachte, Griffe sind Griffe. Das war ein Fehler. Die Übungen passten zu sechs Saiten, nicht zu zwei Reihen Knöpfen, und ich habe mehr Zeit damit verbracht, die App zu verstehen, als tatsächlich zu spielen.
Griffschrift kam für mich erst später und half spürbar mehr als jede allgemeine App, einfach weil sie für dieses Instrument gemacht ist und nicht für ein anderes. Einstieg ohne Lehrer bedeutet für mich vor allem: viel probieren, vieles verwerfen, und sich nicht wundern, wenn der erste Versuch am falschen Instrument ansetzt.
Mittlerweile versuche ich lieber, Melodien nach Gehör zu finden, anstatt mich an fremde Systeme zu klammern, die eigentlich für ein anderes Instrument gedacht waren.

Akkordeon-Pflege beginnt schon auf dem Trödelmarkt
Akkordeon-Pflege beginnt für mich schon beim Kauf, nicht erst danach – trocken lagern, nicht direkt an der Heizung, Knöpfe regelmäßig auf Gängigkeit prüfen, mehr braucht es am Anfang nicht.
Eine Kollegin von der Station schwimmt jeden Sommer in der Neptun-Badeanstalt, und wenn ich ihr erzähle, dass ich einen ganzen Feierabend lang nur acht Knöpfe geprüft habe, schüttelt sie den Kopf. Jeder hat wohl sein eigenes Becken.
Zweireihig ist nicht dasselbe wie ein großes Akkordeon mit Klaviertastatur, das musste ich erst begreifen, bevor ich verstand, warum meine Kleine so anders reagiert als das Instrument, das meine Kollegin noch aus ihrer Kindheit kannte. Spielhaltung habe ich mir größtenteils selbst beigebracht, durch Ausprobieren, welcher Gurt drückt und welcher nicht.
Wechselbass ist ein Wort, das ich erst nach mehreren Wochen überhaupt richtig aussprechen konnte, geschweige denn spielen. Taktgefühl kommt bei mir eher aus dem Stationsalltag als aus der Musik selbst – der Rhythmus einer Übergabe hat mir dabei mehr geholfen, als ich je erwartet hätte. Tremolo und diese leichte Schwebung im Klang fallen mir erst seit Kurzem überhaupt auf, vorher hatte ich schlicht nicht die Ohren dafür.
Was am Ende bleibt
Was am Ende bleibt, ist vor allem diese eine Erkenntnis: Ein Instrument vom Trödelmarkt muss nicht perfekt sein, es muss nur ehrlich sein. Balg dicht, Knöpfe gängig, Stimmplatten mit Patina statt mit Hochglanz – mehr braucht es nicht, um anzufangen.
Die Motivation, am Ball zu bleiben, kommt danach von ganz allein, auch an Tagen nach einer Doppelschicht, an denen die Finger eigentlich nur noch aufs Kopfkissen wollen.
Wer selbst vor so einem Fund steht und zögert: Kauf sie, wenn der Balg hält. Alles andere – die Knöpfe, die Bässe, das Gehör – kommt mit der Zeit, Woche für Woche, auch ganz ohne Lehrer und ohne Vorkenntnisse.