
Der zweite Bass-Knopf war einfach da, bevor ich hingeschaut hatte. Mein Ringfinger fand ihn im Dunkeln, während mein Kopf noch dachte, jetzt müsste ich eigentlich erst suchen. Einen Wimpernschlag lang hielt ich die Luft an, war das gerade wirklich passiert, oder bildete ich es mir nur ein, weil ich es mir so sehr wünschte?
Vierte Woche nach Güstrow.
Die Kleine lag quer über meinen Knien, im Sessel neben der Terrassentür, die Stehlampe warf ihr Licht schräg über den Balg. Unter dem Sessel, im Körbchen, schnaufte der Hund im Schlaf weiter – das leise Klicken der Bassknöpfe unter meinem tastenden Daumen störte ihn schon lange nicht mehr, obwohl das nicht immer so gewesen war.
Acht Monate sind daraus inzwischen geworden. Acht Monate seit dem Trödelmarkt in Güstrow, seit ich zwischen einem angelaufenen Kupferkessel und einer Briefmarkensammlung diese kleine zweireihige Ziehharmonika für 45 Euro aus dem Regal gezogen habe, eine Ziehharmonika für Erwachsene, die als blutige Anfängerin ohne eine einzige Note startete. Wenn man mich fragt, ob ich als Späteinsteigerin mit 42 noch mal bei null anfangen würde: ja, sofort, hier in Warnemünde, mit demselben Instrument.
Eine Ziehharmonika, die schon einmal jemand aufgegeben hatte
Was ich in Güstrow nicht wusste: Ein paar Töne in der oberen Reihe waren leicht verstimmt, kaum hörbar für ungeübte Ohren, aber genug, um mich in der ersten Woche komplett zu verunsichern.
Tagelang dachte ich, der Fehler läge bei mir. Ich presste die Knöpfe fester, veränderte den Winkel, versuchte es mit mehr Druck im Balg – nichts half, der eine Ton blieb schräg.
Also lernte ich, um diesen einen Ton herumzuspielen, ihn einfach zu meiden, wenn eine Melodie ihn nicht unbedingt brauchte. Kein Techniker, keine Werkstatt – nur ich und die Erkenntnis, dass ein Flohmarktfund genau das ist: gebraucht, mit einer eigenen kleinen Macke, die man entweder mag oder loswird.
Diese Macke ist inzwischen mein bester Ohrentrainer. Wenn heute ein neuer Ton komisch klingt, weiß ich sofort, ob es an der Ziehharmonika liegt oder an meinem Finger – ein Unterschied, den ich am Anfang überhaupt nicht hören konnte.

Was macht man, wenn der Balg mitten im Ton hängen bleibt?
Eine Melodie brach mir regelmäßig genau an derselben Stelle weg – immer dort, wo ich von Zug auf Druck wechseln musste. Der Balg hakte, meine linke Hand verkrampfte sich, und der Ton, den ich gerade noch im Kopf hatte, war weg.
Erst schob ich die Schuld auf meine Finger, dann auf den Gurt, der mir in die Schulter schnitt. Am Ende lag es an beidem – der Gurt saß zu stramm, und meine linke Hand wollte den Wechsel erzwingen, statt ihn zuzulassen.
Elsbeth, meine Kollegin von der Kardiologie, hat mir das auf ihre Art erklärt, als ich ihr in der Pause davon vorjammerte: „Du willst den Wechsel kontrollieren. Lass ihn einfach passieren." Kein Umweg, keine Beschwichtigung, so ist Elsbeth eben.
Seitdem lockere ich den Gurt ein bisschen, bevor ich anfange, und der Wechsel klappt öfter, als er hakt. Nicht immer. Aber öfter.
In diesen Nächten denke ich selten an Fehler. Genau das macht diese Entspannung nach der Nachtschicht durch Ziehharmonika spielen lernen für mich aus – der Kopf schaltet ab, ähnlich wie kurz vor Schichtende, wenn selbst die unruhigsten Patienten endlich zur Ruhe kommen.
Hören lernen, wo die Videos zu schnell waren
Am Anfang habe ich es mit Video-Tutorials versucht, weil das der naheliegendste Weg schien. Die meisten sprangen aber so schnell voran, dass ich nur noch pausierte, zurückspulte und mich am Ende dümmer fühlte als vorher.
Ein Kursvideo erklärte einen Fingersatz im Vorbeigehen, den ich Wochen später immer noch nicht sauber hinbekomme. Irgendwann habe ich die Videos einfach zugemacht.
Seitdem summe ich die Melodie, die ich im Kopf habe, und suche die Töne auf den zwei Reihen, bis es passt. Das ist kein Auswendiglernen im klassischen Sinn, eher ein Vertrauen darauf, dass die Hand irgendwann selbst weiß, wohin sie will, bevor der Kopf hinterherkommt. Wer keine Noten kennt, merkt das übrigens zuerst am Balg selbst: Balgkontrolle ist bei mir kein Begriff aus einem Lehrbuch, sondern das Gefühl in der Hand, wann der Druck reicht und wann nicht.
Für mich bleibt Ziehharmonika lernen ohne Noten für Anfänger ab 40 Jahren deshalb kein Umweg, sondern der einzige Weg, der neben Spätschichten überhaupt funktioniert.

Der Moll-Bass, meine Nachbarin und ein Stück Pflaumenkuchen
Der Moll-Bass war lange mein größter Feind. Ich verwechselte ihn wochenlang mit dem Dur-Bass direkt daneben, weil beide unter demselben Finger liegen und sich fast gleich anfühlen.
Zwei Reihen weiter sitzt der richtige Knopf, aber meine Hand griff immer wieder daneben, besonders wenn ein Lied traurig klingen sollte und stattdessen fröhlich schepperte. Einmal habe ich mitten in einer Melodie so laut aufgelacht über den falschen Ton, dass der Hund aufgewacht ist.
Was am Ende half, war simpel: die Bewegung nicht mit dem Kopf zu kontrollieren, sondern den Finger einfach oft genug denselben Weg gehen zu lassen, bis er den Unterschied selbst kannte. Muskelgedächtnis, wie beim Blutabnehmen – irgendwann denkt man nicht mehr nach, die Hand weiß es einfach.
In den ersten Wochen hat meine Nachbarin an die Wand geklopft. Nachts schiefe Töne durch unsere Mietwohnung im zweiten Stock hier in Warnemünde zu hören, ist wohl niemandes Lieblingsgeräusch, und ich konnte ihr das nicht mal übelnehmen.
Trotzdem übte ich weiter, nur leiser und kürzer, bis sich nach ein paar Wochen etwas änderte.
Eines Abends stand sie plötzlich vor der Tür, ein Stück Pflaumenkuchen in der Hand, und sagte nur: „Man erkennt inzwischen sogar das Lied." Das war mein persönlicher Ritterschlag, mehr als jedes Lob auf Station.
Heinrich, ein Leser aus Stralsund, hat mir genau in dieser Woche wieder ein Foto seiner eigenen Ziehharmonika geschickt. Die Bildunterschrift bestand aus drei Wörtern, die für sich allein keinen Sinn ergaben, aber ich wusste sofort, was er meinte.
Die Koordination der linken Hand hat mich in dieser Zeit trotzdem an meine Grenzen gebracht, mehr als der Moll-Bass allein. Irgendwann bin ich auf das Harmonicademy Abo gestoßen, das ich mal in einem Test genauer angeschaut habe – nicht als Ersatz fürs Ausprobieren, sondern als Ideengeber, wenn ich mich an einem Lied festgebissen hatte.
Was acht Monate ohne Noten aus einer Anfängerin gemacht haben
Ein altes Instrument vom Trödelmarkt reicht völlig aus, um herauszufinden, ob einen die Sache überhaupt interessiert, man muss nicht erst in etwas Teures investieren, um zu merken, dass man dranbleiben will. Kein Zwang, wenn die Finger nach der Schicht nicht mitmachen, dann eben nicht; kleine Ziele wie drei Minuten am Stück ohne Verhaspler zählen für mich mehr als jedes Zertifikat, das ich mir in diesem ersten Jahr hätte ausdenken können.
Die eine Lehre, die bleibt, ist einfacher, als ich erwartet hätte: Man muss nicht gut sein, um anzufangen, aber man muss oft genug wieder hinsetzen, damit die Hand irgendwann selbst weiß, was zu tun ist – bei der Ziehharmonika genauso wie bei jedem Zugang, den ich auf Station lege.
Draußen auf der Terrasse dampft der Kaffee in der alten Ikea-Tasse, und durch das Küchenfenster fällt genau dieses milchige Frühlicht, das über dem Hafen jeden Sonntag ein bisschen anders aussieht. Die Kleine liegt neben mir auf dem Plastikstuhl, nicht mehr traurig wie im Regal zwischen Kupferkessel und Briefmarken, sondern einfach da, bereit für die nächsten vier Wochen.