Handkoordination beim Akkordeon lernen für Anfänger ohne Musikvorkenntnisse

Die rechte Hand findet die dritte Taste in der oberen Reihe wie von selbst. Die linke sucht im gleichen Moment noch nach dem Bassknopf, der eigentlich schon längst hätte kommen müssen, und für einen Wimpernschlag spielen beide Hände etwas völlig anderes, als hätten sie sich nie kennengelernt. Genau das ist Handkoordination beim Akkordeon: zwei unabhängige Bewegungsabläufe gleichzeitig laufen zu lassen, ohne dass der eine den anderen kippt, die größte Hürde für jede Ziehharmonika-Anfängerin, die sich das Spielen autodidaktisch beibringt, als Schichtdienst-Hobby zwischendurch genauso wie mit mehr Zeit im Alltag.

Am meisten geholfen hat mir eine simple Umstellung: Hände nicht gemeinsam trainieren, sondern strikt getrennt üben, bis jede für sich zuverlässig funktioniert – erst danach führt man sie zusammen.

Warum Handkoordination am Anfang das größte Problem ist

Bei einer zweireihigen Ziehharmonika wie meiner ist alles wechseltönig. Drücke ich, kommt ein anderer Ton, als wenn ich ziehe, obwohl derselbe Knopf gedrückt bleibt. Bei einem Standard-Akkordeon mit Pianotasten ist genau dieser Unterschied zur Ziehharmonika anders gelöst, aber das ist ein eigenes Thema für sich. Für die Handkoordination bedeutet es vor allem eins: Die rechte Hand muss nicht nur die richtige Taste treffen, sondern gleichzeitig wissen, in welche Richtung der Balg gerade unterwegs ist.

Am Anfang habe ich es mit Griffschrift-Tabs aus dem Internet versucht, jede Seite notierte die Knöpfe anders, und am Ende hat mich das mehr verwirrt, als es geholfen hat. Was tatsächlich half: die Tabs weglegen und stattdessen jede Hand einzeln trainieren, ohne Notation, nur mit dem Ohr und dem Instrument.

Was macht die rechte Hand am Anfang so schwer?

Der Fingersatz für die rechte Hand folgt bei einer zweireihigen Ziehharmonika einer eigenen Logik, die sich von Klavier oder Gitarre unterscheidet, und die Tastenbelegung – welcher Knopf in welcher Reihe welchen Ton bringt – muss erst einmal sitzen, bevor überhaupt an Koordination mit der linken Hand zu denken ist.

Handkoordination üben: Nahaufnahme der Hände einer Ziehharmonika-Anfängerin auf den Knopfreihen

Tove Reimann, Lehrerin aus Greifswald, schrieb mir vor Kurzem, sie wolle erst die komplette Musiktheorie verstehen, bevor sie überhaupt einen Ton anfasst. Dieses Bedürfnis nach Sicherheit kenne ich gut, aus meinem Beruf genauso wie vom Üben. Aber Handkoordination entsteht nicht im Kopf. Sie entsteht in den Fingern, und die lernen nur durch Wiederholung, nicht durch Verstehen.

Linke Hand: Rhythmus im Blindflug

Die Bassknöpfe liegen unter dem Balg, wo man sie beim Spielen nicht sieht, man muss sie blind finden. Meine Ziehharmonika hat nur acht davon, und trotzdem fühlen sie sich am Anfang wie ein Labyrinth an. Die Basslinie der linken Hand folgt einem eigenen Muster, das man am besten isoliert übt, bevor die Melodie dazukommt, und wer den Wechselbass – also den Wechsel zwischen Grundbass und Akkordbass – einbauen will, sollte damit ohnehin warten, bis der einfache Rhythmus im Blindflug sitzt.

Das Taktgefühl für diesen Rhythmus entsteht nicht durch Zählen, sondern durch stures Wiederholen, bis die Hand den Puls von selbst hält, ähnlich wie das Muskelgedächtnis, das bei uns auf Station beim Blutabnehmen übernimmt, wenn der Kopf längst mit etwas anderem beschäftigt ist. Die rechte Hand liegt in dieser Phase am besten einfach still auf dem Gehäuse, nicht helfen, nicht stören.

Erst trennen, dann verbinden: die Übungsreihenfolge, die wirklich hilft

Wer bei null anfängt und keine Lehrerin hat, kann sich die Sache trotzdem selbst beibringen, wenn die Reihenfolge stimmt: erst die rechte Hand allein, dann die linke Hand allein, und erst wenn beide für sich zuverlässig laufen, kommt der Versuch, sie zusammenzubringen. Wer diese Reihenfolge umdreht und sofort beidhändig spielen will, baut Spannung auf, die sich später nur schwer wieder löst.

Wie ich die Motivation für Ziehharmonika behalten kann, auch wenn der Dienstplan das Wochenprogramm mal wieder durcheinanderwirft, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben. Die Grundidee gilt aber auch, wenn dein Alltag anders getaktet ist als meiner: kurze, regelmäßige Einheiten schlagen lange, seltene jedes Mal.

Ruhepause beim Handkoordination-Training: Hund schläft neben der Ziehharmonika-Übung

Neben dem Sessel schläft der Hund die meisten dieser Einheiten durch, nur sein Atem gleichmäßig im Hintergrund, ein guter Indikator übrigens, ob eine Übung ruhig genug läuft oder ob ich schon wieder zu verkrampft dagegen ankämpfe.

Wenn der Balg zur dritten Hand wird

Balgkontrolle ist eigentlich ein eigenes Thema, aber ohne sie fällt jede Koordination in sich zusammen, weil der Balg den Luftstrom liefert, der beide Hände überhaupt erst hörbar macht. Ein falscher Zug im falschen Moment lässt den Ton hell aufheulen, noch bevor man merkt, was schiefgelaufen ist.

Spielhaltung spielt dabei eine größere Rolle, als ich am Anfang dachte. Sitzt der Gurt falsch, zieht das Gewicht der Ziehharmonika automatisch die Schulter hoch, und eine hochgezogene Schulter blockiert genau die Lockerheit, die Koordination braucht. Erst als ich lernte, wie ich die Akkordeon Tragegurte richtig einstellen muss, hörte das Ziehen an der Schulter auf, die vom Beugen über Patientenbetten ohnehin schon strapaziert ist.

Woran du merkst, dass die Handkoordination wirklich sitzt

Ein Zeichen, dass es klappt: Neulich um Mitternacht kam ich zum ersten Mal komplett durch "Kein schöner Land", ohne bei einem einzigen Bass hängen zu bleiben. Kein Nachdenken mehr zwischendurch, kein Suchen, die Hände liefen einfach parallel, jede mit ihrer eigenen Aufgabe.

Von dort aus lohnt es sich, nach Gehör zu spielen statt nach starrem Schema, kleine Melodien, die man kennt, ohne Blatt und ohne Tabs. Wer so weit ist, hört irgendwann auch das leise Schweben, das Tremolo mancher zweireihigen Instrumente erzeugt, ein Klangdetail, das mit Koordination erstmal nichts zu tun hat, aber das Ohr trainiert, genauer hinzuhören.

Nach einer intensiveren Einheit wische ich die Tasten kurz ab, bevor die Ziehharmonika wieder in die Ecke kommt. Instrumentenpflege klingt nach mehr Aufwand, als es tatsächlich ist, gerade bei einem gebrauchten Instrument, das schon vor mir ein Leben hatte.

Almut, eine alte Freundin aus der Ausbildungszeit, die inzwischen in einer Reha-Klinik arbeitet, hat mir neulich kurz nach elf eine Sprachnachricht geschickt und gefragt, ob ich schon flüssig spiele. Noch nicht in jedem Stück. Aber ich kann ihr inzwischen genau erklären, an welcher Stelle es hakt und warum, und das ist am Ende vielleicht der wichtigere Fortschritt als reine Flüssigkeit.

Trenn die Hände, so lange es nötig ist, gib jeder ihre eigene Zeit zum Sitzen, und führe sie erst zusammen, wenn keine der beiden mehr über die andere nachdenken muss. Das ist die ganze Regel, und sie funktioniert unabhängig davon, wie viel Zeit dir der Alltag zwischen zwei Diensten tatsächlich lässt.

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