Akkordeon Übungen ohne Instrument: So trainierst du deine Fingerfertigkeit

Meine Finger werden inzwischen beweglicher, obwohl die Ziehharmonika die meisten Stunden des Tages geschlossen in der Ecke steht. Als Akkordeon-Anfängerin mit über vierzig komme ich zwischen Früh-, Spät- und Nachtdienst selten dazu, mir das Instrument wirklich auf den Schoß zu holen. 'Die Kleine', mein Trödelmarktfund, bleibt deshalb oft tagelang stehen – meine Fingerfertigkeit trainiere ich in dieser Zeit trotzdem, nur eben woanders. Abends, wenn ich sie doch noch einmal heraushole, fühlen sich die kühlen Metallränder der Knopfreihen an den Fingerkuppen anders an als tagsüber.

Zwischen zwei Patienten oder im Bus zur Spätschicht ist für ein sperriges Instrument mit Gurt und Balg einfach kein Platz. Für mich haben sich seitdem zwei Übungswege ganz ohne Ziehharmonika herausgebildet, die ziemlich unterschiedlich funktionieren. Ob ich eine zweireihige Ziehharmonika oder ein klassisches Akkordeon vor mir hätte, würde für beide Wege kaum einen Unterschied machen – die Finger müssen so oder so unabhängig voneinander arbeiten, und wer ganz ohne Lehrerin anfängt, wie ich, hat sowieso ständig neue Fragen, die weit über reine Fingerübungen hinausgehen.

Zwei Wege ohne Ziehharmonika: Tisch oder Kopf

Der erste Weg ist rein körperlich: die Finger einzeln auf einer harten Oberfläche bewegen, ohne jeden Ton. Der zweite Weg findet nur im Kopf statt, ganz ohne Bewegung der Hände. Nach einem Jahr an der Ziehharmonika weiß ich inzwischen, dass beide ihre eigene Berechtigung haben, aber auch ihre eigenen Grenzen, die ich lieber früher als später kennengelernt hätte.

Fingerfertigkeit auf dem Küchentisch: was wirklich passiert

Auf dem Küchentisch oder dem Pausentablett lege ich die Hand flach hin und hebe jeden Finger einzeln, während die anderen liegen bleiben. Das trainiert vor allem die Handkoordination: Ohne Instrument lässt sich die Koordination trocken üben, beide Hände klopfen dabei unterschiedliche Muster auf die Tischplatte, lange bevor Balg und Gewicht überhaupt dazukommen. Einen festen Fingersatz für die rechte Hand lege ich mir dabei bewusst noch nicht fest, das kommt erst, wenn ich wirklich am Instrument sitze.

Elsbeth, die bei uns auf der Kardiologie die Frühschicht übernimmt, hat mich neulich in der Teeküche dabei beobachtet und nur trocken gesagt, das sähe aus wie Klavierüben ohne Klavier. Pragmatisch, wie sie eben ist, hatte sie damit nicht ganz unrecht. Auf meine Spielhaltung achte ich bei diesen Übungen ohnehin kaum, die Schultern hängen am Tisch anders als später mit dem Gurt auf dem Schoß. Für die Basslinie der linken Hand bringt mir das Tischüben fast nichts, die übe ich getrennt und eher gedanklich.

Neulich habe ich es mit dem Tischüben übertrieben und so verbissen auf der Platte getippt, dass die ganze Hand fest wurde. Der Widerstand einer harten Oberfläche ist eben etwas anderes als der Widerstand eines echten Knopfes, und ohne dieses Gegenüber presst man die Finger schnell zu fest auf. Das war das Gegenteil von dem, was ich eigentlich wollte, und seitdem nutze ich diese Übung bewusst nur noch kurz und locker, nie um ganze Melodien einzuschleifen. Wer dabei aus einem Hygieneberuf kommt wie ich, trägt sowieso meistens schon kurze Fingernägel beim Akkordeonspielen, was das Tippen auf harten Oberflächen erträglicher macht.

Fingerfertigkeit trainieren ohne Akkordeon: Hände bei Trockenübungen auf einer glatten Tischplatte

Kopftraining auf der Strandpromenade

Auf der Strandpromenade in Warnemünde, wenn ich dort spazieren gehe, übe ich ganz anders: nur im Kopf, ohne die Hände überhaupt zu bewegen. Ich stelle mir vor, eine einfache Tonleiter zu spielen, und gehe die Reihenfolge der Knöpfe gedanklich durch, während der Wind von der Ostsee herüberweht. Das trainiert vor allem die Tastenbelegung im Kopf, welcher Knopf welchen Ton bringt, und das Taktgefühl, weil sich der Rhythmus fast von selbst an meine Schritte anpasst.

Heinrich aus Stralsund hat mir vor Kurzem ein Foto seiner alten Hohner geschickt, dazu nur die Bildunterschrift 'Sie wartet.' In der Nachricht dazu fragte er, ob dieses Kopftraining bei seinen steifen Fingern überhaupt etwas bringt, wenn man nie wirklich einen Knopf berührt. Meine ehrliche Antwort: es hilft der Reihenfolge und dem Rhythmus im Kopf, aber es ersetzt kein Gramm Fingerkraft. Auch die Griffschrift, also die spezielle Notation für Knopfinstrumente, spielt bei dieser Art Übung keine Rolle, ich arbeite ja ohnehin nicht mit Noten.

Nach Gehör spielen kommt bei mir sowieso erst, wenn die Finger den Weg schon im Schlaf kennen, und dahin ist es von der Strandpromenade aus noch ein Stück. Das Kopftraining bringt mich der Reihenfolge näher, aber dem Klang selbst keinen Schritt.

21 Knöpfe der zweireihigen Ziehharmonika – Fingerfertigkeit für Akkordeon-Anfänger

Warum keine der beiden Übungen den Balg ersetzt

Der Balg fehlt bei beiden Wegen komplett, und das ist mehr als nur ein technisches Detail. Balgkontrolle, das Zusammenspiel aus Ziehen und Drücken, lässt sich auf einer stummen Tischplatte oder im Kopf schlicht nicht nachbilden. Genauso wenig funktioniert der Wechselbass ohne den Balg, die Begleitung für die linke Hand, die überhaupt erst durch die Luftführung ihren Sinn bekommt.

Das Tremolo, dieses leise Schweben im Klang zweier leicht verstimmter Stimmzungen, hört man auf einer schweigenden Oberfläche natürlich überhaupt nicht. Kürzlich, als ich zu Hause den Balg zum ersten Ton öffnete, spürte ich den Widerstand plötzlich weich werden, gespürt noch bevor ich überhaupt etwas hörte. Genau dieses Gefühl bekommt man an keinem Tisch und in keinem Kopf, so gut beide Übungen sonst auch funktionieren.

Ein Kurs an einer Musikschule, den ich mir vor einiger Zeit gegönnt habe, sollte genau diese Lücke schließen – Übungen für unterwegs, ganz ohne Instrument. Pro Stunde war das kein günstiges Vergnügen, und am Ende drehte sich dort fast alles um Notenlesen, das mir als Hieroglyphen immer noch fremd ist, kaum um die Zeitfenster zwischen zwei Schichten, die ich eigentlich brauchte. Seitdem verlasse ich mich lieber auf das, was ich mir selbst am Tisch und auf der Promenade beigebracht habe.

Wann lohnt sich welche Übung?

Für die reine Beweglichkeit der Finger, besonders wenn Ring- und Mittelfinger noch wie ein Team agieren, lohnt sich die Tischübung mehr, kurz und locker, nie verbissen. Für die Reihenfolge im Kopf, den Rhythmus und die Tastenbelegung, wenn ohnehin ein Spaziergang ansteht, ist das Kopftraining auf der Strandpromenade die bessere Wahl. Wer wie Heinrich schon steife Finger hat, sollte eher mit der Tischübung anfangen, weil dort tatsächlich noch etwas bewegt wird. Wer dagegen wie ich zwischen zwei Diensten unterwegs ist und die Hände woanders braucht, für den ist das Kopftraining oft die einzige Option, die überhaupt bleibt.

Schlafender Hund unter dem Stuhl auf der Terrasse in Warnemünde – Übungspause vom Akkordeon

Die Pflege der Ziehharmonika selbst, das Wachsen der Stimmzungen oder das Reinigen der Knopfreihen, ist noch mal ein ganz eigenes Thema, mit dem ich mich lieber am Wochenende beschäftige als zwischen zwei Patienten. Für jemanden ohne Musikausbildung ist es trotzdem schon ein kleiner Erfolg, zwei so unterschiedliche Übungswege bewusst auseinanderzuhalten, anstatt beide wahllos durcheinanderzuwerfen. Falls du auch gerade erst anfängst, kann ich dir sagen, dass Akkordeon lernen für Erwachsene vor allem bedeutet, sich diese kleinen Zeitfenster im Alltag zu erobern, ganz gleich, ob am Tisch oder nur im Kopf.

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