
Es ist halb eins nachts. Die Station 4 der Kardiologie liegt weit hinter mir, die Übergabe war stressig, und meine Beine fühlen sich an wie Blei. Warnemünde schläft schon fast, nur der Wind von der Ostsee drückt ein bisschen gegen das Küchenfenster. Ich sitze hier, den Hund zu meinen Füßen, und ziehe 'die Kleine' zum ersten Mal heute auf. Das kühle Metall der Balgecken an meinen Unterarmen ist am Anfang immer ein kleiner Schock, aber dann kommt dieser vertraute Geruch von altem Holz und ein bisschen Staub aus dem Gehäuse. Es ist ein guter Geruch.
Vom Trödelmarkt in Güstrow direkt ins Herz
Wenn mir vor acht Monaten jemand gesagt hätte, dass ich nach einer Doppelschicht nicht vor Netflix versacke, sondern versuche, Töne aus einem Instrument zu quetschen, hätte ich gelacht. An einem kalten Samstag im Februar stand sie da, auf dem Trödelmarkt in Güstrow. Zwischen einem verbeulten Kupferkessel und einer Briefmarkensammlung sah sie so verloren aus. 45 Euro hat sie gekostet. Ich hatte keinen Plan, keine Notenkenntnisse, nichts. Aber sie hatte etwas Trauriges an sich, das mich nicht losließ. Also wanderte sie mit in mein Auto und seitdem gehört sie zu meinem Feierabend wie der Kräutertee.

Ich lerne jetzt seit etwa acht Monaten. Keine Musiktheorie, keine Lehrerin. Ich bin eine 42-jährige Krankenschwester, die einfach nur will, dass die Finger etwas anderes tun als Medikamente zu stellen oder Patientenakten zu sortieren. Am Anfang war es nur ein wildes Durcheinander. Aber nach den ersten drei Monaten des Ausprobierens merkte ich, dass ich Struktur brauche. Meine rechte Hand wusste nie, wo sie hin soll. Die Diatonische Ziehharmonika ist ein kleines Biest – beim Drücken kommt ein anderer Ton als beim Ziehen. Das war am Anfang, als würde man versuchen, zwei Patienten gleichzeitig zu reanimieren, während der Alarm in drei Zimmern schrillt.
Die rechte Hand: 11 Knöpfe und ein Eigenleben
Meine kleine Ziehharmonika hat zwei Reihen auf der rechten Seite. Die erste Reihe hat 11 Knöpfe. Das klingt nach wenig, aber wenn man nachts müde ist, fühlen sich diese 11 Knöpfe an wie ein Labyrinth. Ich benutze für das Melodiespiel meistens nur 4 Finger der rechten Hand. Der Daumen bleibt am Rand, er ist mein Anker, damit das Instrument nicht wegrutscht. Das ist ein bisschen wie beim Blutabnehmen: Wenn die Hand keinen festen Halt hat, wird das Ergebnis unsauber.
Das größte Problem war für mich immer das Zittern. Nicht, weil ich Angst habe, sondern dieses leichte Zittern in den Fingerspitzen nach acht Stunden Medikamentenstellen. Es ist, als hätten die Hände eine eigene Erschöpfung gespeichert. Wenn ich dann die ersten Knöpfe greife, dauert es meistens zwei bis drei Minuten, bis dieses Zittern langsam nachlässt und die Finger weicher werden. Das ist der Moment, in dem ich merke, dass ich wirklich zu Hause bin.

Warum ich die Melodie erst einmal ohne Noten suche
Ich habe eine ganz eigene Methode entwickelt, vielleicht weil ich es nie anders gelernt habe. Anstatt sofort nach Noten zu spielen, versuche ich die Melodie rein durch das Gehör zu finden. Ich summe mir etwas vor – meistens ganz einfache Sachen, die ich im Kopf habe – und dann suche ich den passenden Knopf. Das dauert. Manchmal drücke ich fünfmal daneben. Aber wenn ich den Ton dann finde, speichert mein Kopf ihn viel besser ab. Es festigt die neuronale Verbindung zwischen der Taste und dem Klang, ganz ohne den Umweg über ein Blatt Papier.
Es ist wie bei der Stationsroutine: Man weiß irgendwann einfach blind, in welcher Schublade die Kanülen liegen. Man muss nicht mehr nachschauen. So versuche ich das Melodiespiel zu lernen. Ich schließe oft die Augen dabei. Wenn ich nicht sehe, wie meine Finger sich verheddern, höre ich besser, ob es stimmt. Letzten Sonntagmorgen auf der Terrasse, als der Kaffee noch dampfte, habe ich so zum ersten Mal eine ganze Melodie ohne Fehler durchgespielt. Es waren nur drei Minuten, aber es fühlte sich an wie ein kleiner Sieg über den Alltagsstress.
Meine kleine Übungsroutine für die Melodiefinger
Seit etwa sechs Wochen arbeite ich mit einem festeren Plan, weil ich merkte, dass ich auf der Stelle trete. Ich habe angefangen, einfache Muster zu üben. Nur die rechte Hand. Ich lasse die linke Hand (den Bass) erst einmal weg, wenn es schwierig wird. Das ist wichtig. Wenn man zu viel auf einmal will, zerfällt alles. Hier sind die Dinge, die mir geholfen haben, Ordnung in das Chaos der 11 Knöpfe zu bringen:
- Die Treppe rauf und runter: Ich fange beim mittleren Knopf der ersten Reihe an und spiele jeden Knopf nacheinander nach oben und wieder nach unten. Erst auf Druck, dann auf Zug.
- Der Sprung-Test: Ich versuche, einen Knopf zu überspringen, ohne hinzusehen. Das trainiert das Gefühl für die Abstände. Meine Finger lernen quasi die Landkarte der Ziehharmonika auswendig.
- Vier-Finger-Balance: Ich achte darauf, dass jeder der 4 Finger mal die Führung übernimmt. Oft ist der kleine Finger zu schwach, genau wie im Pflegealltag, wenn man schwere Betten schiebt und die Kraft nachlässt.

Manchmal, wenn ich merke, dass ich alleine nicht weiterkomme, schaue ich mir Übungen online an. Ich habe zum Beispiel effektiv zweireihige Ziehharmonika lernen mit einem modernen Online Lernportal für mich entdeckt. Es hilft mir, wenn mir jemand in einem Video zeigt, wie man die Hand hält, ohne dass ich gleich in eine echte Musikschule rennen muss. Dafür habe ich mit meinem Schichtdienst eh keine Zeit. Wer weiß schon am Montag, ob er am Donnerstagabend um 18 Uhr frei hat?
Wenn die Finger nicht wollen: Geduld mit sich selbst
Es gibt Nächte, da klappt gar nichts. Da ist die Umschaltbewegung zwischen Zug und Druck so hölzern, dass es sich anhört wie ein rostiges Gartentor. Letzten Mittwoch war so ein Moment. Ich wollte eine einfache Melodie spielen, aber mein Zeigefinger war wie festgefroren. Wahrscheinlich lag es an der Zehn-Stunden-Schicht davor. In solchen Momenten klappe ich 'die Kleine' einfach zu. Ich habe gelernt, dass man Musik nicht erzwingen kann, genauso wenig wie man einen unruhigen Patienten zur Ruhe zwingen kann. Es braucht Geduld.
Ich erinnere mich dann immer an den Anfang, als die Nachbarin nebenan sich tatsächlich beschwert hat. Sie meinte, es klänge, als würde jemand eine Katze quälen. Inzwischen beschwert sie sich nicht mehr. Entweder hat sie sich daran gewöhnt, oder ich bin wirklich ein kleines bisschen besser geworden. Ich bilde mir Letzteres ein. Wenn man Ziehharmonika üben bei Schichtarbeit sinnvoll und effektiv gestaltet, dann reichen eben auch diese zehn Minuten nachts, um kleine Fortschritte zu machen.

Ein Ausblick auf den nächsten Sonntag
Jetzt gleich werde ich den letzten Schluck Kaffee trinken und noch einmal die rechte Hand trainieren. Nur ganz leise. Der Hund schnarcht schon unter dem Stuhl, das ist für mich das Zeichen, dass mein Spiel zumindest nicht mehr stört. Nächste Woche will ich mich an den ersten Moll-Bass wagen, aber die rechte Hand muss erst noch sicherer werden. Es ist ein langer Weg, aber es ist mein Weg. Weg von den Patientenakten, hin zu etwas, das nur mir gehört.
Falls du auch gerade erst anfängst und dich fragst, ob du das mit über 40 noch lernen kannst: Ja, es geht. Es muss nicht perfekt sein. Es muss sich nur richtig anfühlen. Ich habe neulich einen Text darüber gelesen, wie ein Akkordeon für Anfänger im Test abschnitt, und das hat mir Mut gemacht, dass es viele von uns gibt, die spät einsteigen. Wir werden keine Profis mehr, aber wir finden unseren eigenen Rhythmus. Und das ist am Ende des Tages alles, was zählt.