Akkordeon für Anfänger: Tipps für den Einstieg ohne Lehrer

Zwischen zwei Übungsphrasen höre ich meistens nur den Hund atmen, der unter meinem Sessel liegt, ruhig und regelmäßig, ganz egal wie schief der Ton davor gerade war. Akkordeon lernen als Autodidakt bedeutet bei mir vor allem das: leise werden, hinhören, weitermachen.

Seit die Kleine bei mir eingezogen ist, kommen immer wieder dieselben Fragen von Menschen, die genau da stehen, wo ich einmal stand: kein Lehrer, kein Vorwissen, nur ein Instrument vom Trödelmarkt in Güstrow, das gefunden werden wollte. Musik im Schichtdienst hat eine eigene Logik, das merkt jeder, der versucht, zwischen Spät- und Nachtdienst ein Ritual zu finden. Deshalb sammle ich hier die Antworten, die ich sonst einzeln als Nachricht verschicke – mein kleines Warnemünde-Tagebuch, diesmal als Fragerunde statt als Sonntagseintrag.

Autodidakt am Akkordeon: Was in den ersten Wochen wirklich zählt

Die erste Frage ist fast immer dieselbe: Wie fängt man ohne Lehrer überhaupt an, ohne komplett den Überblick zu verlieren? Meine Antwort ist unspektakulär. Ich habe keinen festen Übungstermin, weil mein Dienstplan das gar nicht zulässt. Stattdessen hänge ich das Üben an ein Ritual: direkt nach dem Umziehen aus der Dienstkleidung, oder nach dem ersten Kaffee, bevor der Tag mich in andere Richtungen zieht. Das Gehirn merkt sich diese Reihenfolge schneller als jede feste Uhrzeit.

Geduld mit dem eigenen Körper ist der zweite Teil der Antwort. Auf Station kenne ich das Gefühl, wenn eine Bewegung irgendwann in die Hände übergeht, ohne dass man noch bewusst nachdenkt. Am Akkordeon dauert das länger, als ich erwartet hatte, gerade weil ich über vierzig bin und nie zuvor ein Instrument gehalten habe. Der Ringfinger rechts, auf Station mein zuverlässigster Helfer, wollte am Anfang einfach gar nichts von dem tun, was ich von ihm wollte.

Perfektion ist dabei die falsche Messlatte. Wenn ein Ton schief klingt, nenne ich das inzwischen Charakter und mache weiter, statt eine Passage zehnmal zu wiederholen, bis der Frust größer ist als der Fortschritt. Genau das ist für mich der Kern vom Einstieg ohne Lehrer: nicht die fehlende Korrektur ist das Problem, sondern die Erlaubnis, langsam und krumm anzufangen.

Hände einer Krankenschwester üben Akkordeon lernen als Autodidakt auf den Knöpfen einer alten Ziehharmonika

Wie sitzt man eigentlich richtig mit dem Instrument?

Spielhaltung ist ein eigenes kleines Thema, das ich hier nur kurz anschneide: im Kern geht es darum, wie du Gurt, Balg und eigene Schulter so zueinander bringst, dass nichts zieht oder drückt. Bei mir hat sich das erst nach mehreren falschen Versuchen eingespielt, meistens abends, wenn die Schultern von der Schicht sowieso schon müde waren. Wenn der Riemen drückt, sitzt etwas falsch, so einfach ist die Faustregel, die ich mir gemerkt habe.

Rechte Hand, linke Hand: zwei verschiedene Baustellen

Fingersatz für die rechte Hand ist eine Wissenschaft für sich, die andere hier besser erklären als ich es in ein paar Zeilen könnte. Was ich sagen kann: die Koordination zwischen beiden Händen kommt erst, wenn jede Hand für sich allein etwas kann, nicht vorher. Ich habe lange versucht, beides gleichzeitig zu üben, und am Ende konnte keine der beiden Hände etwas richtig.

Die linke Hand ist bei mir das Fundament, ohne das oben alles zusammenbricht. Wie diese Bassknöpfe grundsätzlich angeordnet sind, habe ich ausführlich in einem eigenen Text beschrieben, der zeigt, wie man Akkordeon Bassknöpfe zu lernen beginnt – hier reicht der Hinweis, dass sich die Mühe lohnt. Wechselbass, also der abwechselnde Griff zwischen Grundton und Begleitakkord, kommt danach, und ganz am Ende erst die genaue Tastenbelegung deines jeweiligen Modells, die von Instrument zu Instrument leicht variieren kann.

Taktgefühl entsteht bei mir übrigens nicht durch Zählen, sondern durch Wiederholung, bis der Körper den Rhythmus übernimmt, ähnlich wie eine Stationsroutine, die irgendwann im Blut liegt, ohne dass man noch aktiv daran denken muss.

Und wenn der Balg komisch klingt?

Balgkontrolle ist das Thema, zu dem ich die meisten Nachrichten bekomme – mehr dazu in meinem Text zur Balgkontrolle auf der Ziehharmonika, aber als Faustregel gilt: klingt der Ton heiser, hilft meistens weniger Kraft, nicht mehr.

Detailaufnahme des Balgs einer Ziehharmonika beim Akkordeon für Anfänger ohne Lehrer, im sanften Licht

Brauche ich Noten, um anzufangen?

Nein, und das war für mich die größte Erleichterung am Anfang. Es gibt ein eigenes Notationssystem nur für Knopfinstrumente, die sogenannte Griffschrift, aber das ist noch mal ein ganz eigenes Kapitel, das ich hier nicht aufmachen will. Ich selbst lese keine Noten und werde es wahrscheinlich auch nicht mehr lernen.

Am Anfang habe ich es trotzdem mit Tabs aus dem Internet versucht, einfach weil ich dachte, ich brauche irgendeine Vorlage. Das Problem: jede Seite hat ein anderes System benutzt, mal Zahlen für die Knopfreihen, mal Buchstaben, mal eine Mischung, die ich nach zehn Minuten nicht mehr auseinanderhalten konnte. Ich habe die Tabs irgendwann komplett weggelegt und stattdessen angefangen, Melodien nach Gehör zu suchen, Ton für Ton, so lange bis es stimmte. Das ist ein eigenes Kapitel für sich, aber es hat besser funktioniert als jede Vorlage aus dem Netz.

Für Struktur, wenn gar nichts mehr griff, habe ich eine Zeit lang mit einem Online-Begleiter geübt, dem Harmonicademy Abo, einfach um überhaupt eine Reihenfolge zu haben, an der ich mich entlanghangeln konnte, wenn mein Kopf nach einer Nachtwache nicht mehr viel hergab.

Zweireihig, Akkordeon, Tremolo: drei Begriffe für den Anfang

Zweireihige Ziehharmonika und klassisches Akkordeon werden oft in einen Topf geworfen, sind aber unterschiedlich genug, dass ich das lieber in einem eigenen Text auseinandernehme, statt es hier in zwei Sätzen falsch zu vereinfachen. Für den Anfang reicht: meine Kleine ist eine zweireihige diatonische Ziehharmonika, kein Klavierakkordeon, und beide folgen an manchen Stellen ganz unterschiedlicher Logik.

Tremolo, dieser leicht schwebende, fast doppelte Klang mancher Akkordeons, ist noch mal ein eigenes Kapitel, das mit der Stimmung der Register zu tun hat. Meine Kleine kann das nicht, und ich vermisse es auch nicht besonders.

Was mache ich mit einem alten Flohmarktfund?

Instrumentenpflege bei einem gebrauchten Instrument ist ein eigenes Thema, das ich an anderer Stelle ausführlich behandle, aber ein paar Grundregeln befolge ich seit dem ersten Tag: die Kleine kommt nie feucht oder verschwitzt in ihren Koffer zurück, und ich wische die Knöpfe ab, bevor der Koffer zugeht.

Wer ein Instrument vom Trödelmarkt übernimmt, sollte ohnehin damit rechnen, dass es erst geprüft und eingestellt werden muss, bevor es zuverlässig klingt. Das war bei meiner Kleinen nicht anders, und diese erste Untersuchung würde ich niemandem ersparen wollen, so verlockend der günstige Fund auch ist.

Handgeschriebenes Warnemünde Tagebuch über das Akkordeon lernen neben einem Instrumentenkoffer

Was mir Leserinnen wie Tove schreiben

Tove Reimann aus Greifswald hat mir vor kurzem geschrieben, kurz nachdem sie das geerbte Hohner ihrer Großmutter aus dem Schrank geholt hatte. Sie ist Lehrerin, und das merkt man: bevor sie auch nur einen Ton gespielt hat, wollte sie erst genau verstehen, warum die Bassreihe so aufgebaut ist, wie sie aufgebaut ist, und ob es dafür eine Regel gibt, die sich lernen lässt.

Meine Antwort war dieselbe wie an dich hier: fang lieber mit einem schiefen Ton an, als mit der perfekten Erklärung dafür zu warten, warum er schief war. Theorie holt dich später ein, wenn du sie brauchst, aber sie ersetzt nicht die Stunden, in denen die Finger einfach nur tun müssen.

Almut, meine alte Freundin, die auch im Schichtdienst arbeitet, schickt mir solche Fragen manchmal um halb vier nachts als Sprachnachricht, mitten aus ihrer eigenen Schicht heraus. Neulich wollte sie wissen, ob sich das überhaupt lohnt, wenn man ohnehin schon zu müde für alles andere ist.

Die Antwort kam ein paar Tage später von ganz allein. Meine Nachbarin stand am Briefkasten, als ich runterkam, und meinte beiläufig, das klinge inzwischen richtig schön von drüben. Am Anfang hatte sie sich einmal beschwert. Genau deshalb hat mich dieser eine Satz am Briefkasten mehr gefreut als jedes Kompliment, das ich mir hätte ausdenken können.

Wenn du auch so ein trauriges Instrument im Regal stehen hast oder eins geerbt hast wie Tove: fang einfach an, ohne auf die perfekte Erklärung oder den perfekten Zeitpunkt zu warten. Manchmal übe ich draußen, wenn die Schicht es zulässt, am liebsten dort, wo der Wind vom Ostseestrand bei Markgrafenheide noch salzig in der Jacke hängt – auch das gehört dazu. Der Rest klärt sich beim Spielen, nicht davor.

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