
Einundzwanzig Knöpfe auf der rechten Seite, acht auf der linken. Mehr braucht meine kleine Ziehharmonika nicht, um mich nach einer Doppelschicht auf der Kardiologie-Station komplett runterzubringen. Ziehharmonika lernen wollte ich mit über vierzig, ohne eine einzige Note lesen zu können, und genau diese kleine diatonische Harmonika war dabei kein Kompromiss, sondern der Grund, warum ich überhaupt drangeblieben bin. Aus einem Hobby nach der Schicht ist inzwischen der ruhigste Teil meines Tages geworden.
Nach der Schicht überfordert dieses Hobby die Arme nicht
Nach der Spätschicht sind meine Arme oft schwerer als sonst. Zehn Stunden Blutentnahmen, Dokumentation und Flure ohne Sitzgelegenheit hinterlassen Spuren. Auf dem Nachhauseweg komme ich manchmal am Wochenmarkt auf dem Doberaner Platz vorbei, kurz bevor die letzten Stände abbauen, und denke dann schon an den Plastikstuhl auf meiner Terrasse, der auf mich wartet.

Meine Ziehharmonika wiegt etwa 2,8 Kilo. Kaum mehr als eine dicke Akte, die ich sonst den ganzen Tag über die Station trage. Drinnen, im Sessel, mit der Stehlampe links neben mir und dem Hund zusammengerollt im Korb direkt darunter, dauert es keine zwei Minuten, bis die Schultern nach unten sacken. Der erste tiefe Bassknopf, und der Rhythmus übernimmt einfach meinen Atem.
Auch ein gebraucht gekauftes Instrument wie meins hat diesen leisen Schwebe-Klang, wenn zwei Töne fast, aber nicht ganz zusammenliegen. Das hängt an der Stimmung der Zungen, nicht am Preis. Für mich war das eine Beruhigung, keine Enttäuschung.
Weniger ist hier wirklich mehr
Dass meine Harmonika wechseltönig ist, wusste ich beim Kauf nicht. Drücke ich den Balg, kommt ein anderer Ton, als wenn ich ihn ziehe, bei derselben Taste. Am Anfang war das in meinem Kopf nur Chaos, und ich hab mehr als einmal mitten im Stück den Faden verloren, weil ich ziehen wollte und drücken musste.

Zwischen einer kleinen Zweireihigen und einem großen Akkordeon mit mehreren Reihen liegt am Anfang vor allem eins: wie viele Entscheidungen man auf einmal treffen muss. Weniger Knöpfe heißen weniger Wege, sich zu verlaufen. Was mir fehlt, ist die chromatische Freiheit für später, aber gerade jetzt ist die Begrenzung ein Schutzraum, in dem ich mich nicht verlieren kann.
Wie ich endlich eine Ordnung fand, die zu meinen Fingern passte
Tabs aus dem Internet gab es reichlich, aber jede Seite zeichnete die Knopfnummern anders, in einer eigenen Griffschrift, und ich wusste nie, welche Version überhaupt zu meiner Kleinen passt. Ein paar Wochen hab ich mich so durchprobiert, mit Zetteln neben dem Sessel, bis ich das ganze System beiseitegelegt habe.
Ohne Lehrerin, nur mit der Geduld aus dem Schichtdienst, hab ich mir danach einen Online-Kurs gesucht, bei dem die Videos in meinem eigenen Tempo laufen und nicht meckern, wenn ich dieselbe Melodie dreimal verhaue. Der Wechsel zwischen den acht Bassknöpfen linke Hand ist bis heute das Feld, in dem ich am meisten übe, vor allem der Moll-Bass, der sich manchmal einfach nicht setzen will, besonders wenn die Finger nach einer Doppelschicht nicht mehr einzeln wollen.
Neulich hat mir eine Leserin aus Greifswald geschrieben, Tove Reimann, die das Hohner ihrer Großmutter übernommen hat. Sie war regelrecht sauer, weil ich in einem älteren Beitrag geschrieben hatte, man solle den richtigen Bassknopf einfach fühlen. Zu Recht, das war keine Anleitung, das war nur Vertröstung. Seitdem versuche ich genauer zu sein: welcher Finger, welche Bewegung, welcher Knopf zuerst.
Warum ich trotzdem jeden Sonntag wieder dranbleibe, hab ich neulich in einem anderen Beitrag aufgeschrieben, in dem es darum geht, wie der melancholische Klang der Ziehharmonika mir beim Abschalten hilft. Es ist kein Lärm, den ich da mache. Es ist eher ein Ausatmen, das durch die Wand zur Nachbarin sickert.
Der Moment, in dem ich den Balg einfach offen ließ

Vor sechs Wochen hab ich zum ersten Mal ein Stück bis zum letzten Ton gespielt und den Balg danach nicht gleich zugedrückt. Ich hab ihn einfach offen gelassen und dem Nachklang zugehört, bis er von selbst verklungen ist.
Groß war das nicht.
Aber es war das erste Mal, dass ich nicht sofort zum nächsten Griff wollte.
Almut, mit der ich seit der Ausbildung befreundet bin und die inzwischen in einer Reha-Klinik arbeitet, hat neulich angerufen, während der Hund unter dem Sessel schnaufte. Ich hab ihr von der Nachbarin erzählt, die sich ganz am Anfang mal beschwert hatte und die die leisen Melodien inzwischen richtig mag. Almut hat so laut gelacht, dass ich das Telefon vom Ohr halten musste.
Wie die Knöpfe der zweiten Reihe überhaupt angeordnet sind, hab ich in einem separaten Beitrag aufgeschrieben, in dem ich die Tastenbelegung für Anfänger erklärt habe. Das hätte mir am Anfang einiges an Kopfzerbrechen erspart.
Was ich seit dieser sechsten Woche mitnehme, ist einfach: Fortschritt beim Ziehharmonika lernen zeigt sich selten in großen Momenten. Er zeigt sich darin, dass du den Balg mal offen lässt, statt sofort weiterzumachen. Wer mit vierzig oder später anfängt, ohne Noten, ohne Lehrerin, sollte nicht auf den einen Durchbruch warten. Er kommt in Zehn-Minuten-Stücken, meistens dann, wenn man ihn gar nicht erwartet.