Wie das Spielen der Ziehharmonika beim Einschlafen nach der Nachtschicht hilft

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Es ist kurz nach halb eins nachts, als ich die Tür zu meiner kleinen Wohnung in Warnemünde hinter mir zuziehe. In meinen Ohren piept noch das Echo der Monitore von der Kardiologie, dieser monotone Rhythmus, der einen auch nach der Übergabe nicht ganz loslässt. Früher habe ich den Fernseher angemacht, eine Serie gestartet, nur um die Stille zu füllen, aber mein Kopf kam dabei nie zur Ruhe.

Heute greife ich stattdessen ins Regal. Da steht sie, meine „Kleine“ – die zweireihige Ziehharmonika, die ich vor acht Monaten für 45 Euro auf einem Flohmarkt in Güstrow gefunden habe. Sie stand da zwischen einem alten Kupferkessel und einer Briefmarkensammlung und sah einfach traurig aus. Ich hatte keinen Plan, keine Notenkenntnisse und in der Schule war Blockflöte das Höchste der Gefühle. Aber jetzt ist sie mein Anker.

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Der Geruch von Staub und Bienenwachs

Wenn ich mich in den Sessel setze und den Balg zum ersten Mal aufziehe, strömt mir dieser ganz eigene Geruch entgegen: ein bisschen alter Staub, eine Note von Bienenwachs und trockenem Holz. Es ist ein ehrlicher Geruch, ganz anders als das Desinfektionsmittel auf Station. Ich drücke den ersten tiefen Bass-Akkord. Es ist ein diatonisches Instrument, was bedeutet, dass sich der Ton ändert, je nachdem, ob ich ziehe oder drücke.

Dieses sanfte Vibrieren des Holzgehäuses gegen meine Rippen macht etwas mit mir. Nach einer stressigen Reanimation oder einem Patienten, der uns die ganze Schicht über Sorgen bereitet hat, spüre ich richtig, wie mein eigener Puls langsam wieder in den Normalbereich sinkt. Es ist fast wie beim Blutabnehmen: Man braucht eine ruhige Hand und ein gewisses Gefühl für den Widerstand. Wenn ich die Knöpfe drücke, konzentriere ich mich nur auf meine Fingerspitzen, nicht auf die Medikamentenpläne von morgen.

Nahaufnahme von Händen, die die Knöpfe einer alten zweireihigen Ziehharmonika drücken.

Warum die Nachbarin nicht mehr klopft

Ich lebe in einem hellhörigen Haus. Am Anfang, im Spätwinter kurz nach dem Fund in Güstrow, hat meine Nachbarin tatsächlich einmal gegen die Wand geklopft. Ich verstehe das – eine Ziehharmonika kann laut sein, wenn man einfach nur wild drauflos drückt. Aber ich habe gelernt, dass es nicht um Lautstärke geht. Es geht um diese zehn Minuten vor dem Einschlafen, in denen ich versuche, die Melodie vom letzten Mittwoch wenigstens drei Minuten am Stück fehlerfrei zu halten.

Damit das klappt und ich nicht nur ziellos Krach mache, habe ich mir Struktur gesucht. Da ich im Schichtdienst arbeite, kann ich keine feste Musikschule besuchen. Ich habe mich für den Ziehharmonika Anfängerkurs der Harmonicademy entschieden. Die 21 Lektionen sind für mich perfekt, weil ich sie dann machen kann, wenn ich Zeit habe – und sei es nachts um eins. Seit ich weiß, was ich tue, ist mein Spiel viel leiser und kontrollierter geworden. Die Nachbarin beschwert sich nicht mehr; ich glaube fast, der sanfte Klang beruhigt sie inzwischen genauso wie mich.

Wer sich fragt, ob das für den Anfang zu kompliziert ist, sollte sich vielleicht erst einmal ansehen, warum eine kleine zweireihige Ziehharmonika perfekt für den Einstieg ist. Sie ist handlich und überfordert einen nicht sofort.

Wenn die Finger nicht mehr wollen

Es gibt Nächte, da wollen die Finger einfach nicht. Nach einer Doppelschicht fühlen sie sich steif an, fast so, als hätten sie ihr eigenes Gedächtnis verloren. Dann klappt selbst der einfachste Wechsel zwischen Zug und Druck nicht mehr. Letzten Mai, an einem verregneten Dienstagabend, wollte ich unbedingt „An der Nordseeküste“ spielen. Ich bin kläglich gescheitert. Ich habe ständig Druck und Zug verwechselt und die Lufttaste komplett vergessen, bis die Kleine klang wie eine heisere Möwe.

Das gehört dazu. In der Pflege lernt man Geduld mit schwierigen Patienten, und jetzt lerne ich Geduld mit mir selbst. Manchmal sitze ich auch nur da und versuche, die Tastenbelegung der 8 Bassknöpfe blind zu finden. Mein Hund schläft dabei meistens unter meinem Stuhl. Er ist das beste Publikum: Er kritisiert nicht, wenn der Moll-Bass mal wieder daneben geht.

Ziehharmonika, Kaffeetasse und Notizbuch auf einem Holztisch neben einem Stethoskop.

Ein Hobby ohne Patientenakten

Was ich an der Ziehharmonika so liebe, ist die Haptik. Alles an meinem Job ist digitaler geworden, überall sind Bildschirme und Dokumentationen. Die Harmonika ist mechanisch. Man zieht, man drückt, man fühlt die Luft, die durch die Stimmzungen strömt. Es ist ein melancholischer Klang, der perfekt zur Nachtruhe passt.

Nach etwa drei Monaten Übung merkte ich zum ersten Mal, dass ich nicht mehr überlegen musste, wo der Zeigefinger hinwandert. Es ist wie beim Legen einer Infusion: Irgendwann geht es in das Muskelgedächtnis über. In diesen Momenten schaltet der Kopf wirklich ab. Wenn du auch in einem Beruf arbeitest, der dich mental völlig fordert, kann ich dir nur raten: Such dir etwas, das man anfassen kann. Es muss nicht teuer sein – meine 45-Euro-Investition war die beste meines Lebens.

Falls du auch nachts wach liegst und nach einer Möglichkeit suchst, den Kopf auszuschalten, schau dir den Kurs von Harmonicademy an. Er ist linear aufgebaut und führt einen ohne Druck durch die ersten Schritte. Für mich war es genau der richtige Weg, um von den Patientenakten wegzukommen und bei mir selbst anzukommen.

Jetzt ist es gleich zwei Uhr. Der Hund hat kurz im Schlaf gezuckt, draußen weht der Wind von der Ostsee gegen die Scheibe. Ich lege die Kleine zurück ins Regal, decke sie mit dem alten Tuch ab und merke, dass ich endlich bereit zum Schlafen bin. Ohne Netflix, ohne Monitor-Piepsen im Kopf. Nur ich und der Nachhall der letzten acht Bassnoten.

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