
Acht Bassknöpfe sitzen dicht nebeneinander auf der linken Seite der Ziehharmonika, unsichtbar für die Augen, sobald das Spiel beginnt. Im Sitzen findet der Balg eine stille Stütze am Oberschenkel, und die linke Hand kann sich ganz auf diese acht Knöpfe konzentrieren. Im Stehen fällt diese Stütze weg. Die linke Hand hält plötzlich den Balg und sucht gleichzeitig die richtigen Knöpfe – zwei Aufgaben statt einer. Genau diese Verschiebung der Arbeit entscheidet am Ende, ob ein Ziehharmonika-Anfänger besser im Sitzen oder im Stehen übt.
Tove Reimann hat mir genau diese Frage geschrieben, kurz nachdem sie das geerbte Hohner ihrer Großmutter aus dem Schrank geholt hatte. Sie wollte keine warme Ermutigung. Sie wollte wissen, wo die Füße stehen sollen und warum die Knie dabei überhaupt eine Rolle spielen. „Einfach fühlen" schreibe ich ihr besser kein zweites Mal – das ärgert sie zu Recht, weil es keine Antwort ist, sondern eine Ausrede.
Verständlich ist der Ärger, wenn man sich anschaut, was online zu finden ist. Tabs aus dem Internet, die für Sitzhaltung wie für Stehhaltung völlig unterschiedlich aussehen, ohne dass irgendwo erklärt wird, warum. Die eine Seite zeigt den Balg eng am Körper, die nächste weit ausgestellt, und keine Quelle sagt, ob das am Instrument liegt oder an der Person, die spielt. Deshalb steht hier lieber auf, was sich beim Üben tatsächlich unterscheidet, Schritt für Schritt.
Ergonomie für Ziehharmonika-Anfänger: zwei Haltungen, zwei Belastungen
Im Sitzen liegt das Gehäuse der Ziehharmonika auf dem linken Oberschenkel. Diese Auflage übernimmt einen Teil des Gewichts – bei einem Instrument, das drei bis vier Kilogramm wiegt, ist das kein kleiner Unterschied. Die Schultern tragen dann nur noch die Gurte, nicht die volle Last, und die Finger können sich auf die zwei Diskantreihen konzentrieren, ohne dass der ganze Oberkörper mit ausgleichen muss.
Diese Stabilität hat aber einen Preis. Der Oberschenkel blockiert die Bewegung des Balgs nach unten, besonders wenn man versucht, ihn weit zu öffnen. Wer nur im Sitzen übt, gewöhnt sich an einen kürzeren Balgweg, ohne es überhaupt zu merken – bis die Töne im Stehen plötzlich anders klingen als gewohnt.
Wer die Balgkontrolle auf der Ziehharmonika gezielt trainieren will, tut das am Anfang fast immer im Sitzen, aus genau diesem Grund: weniger Variablen, mehr Kontrolle über das, was in den Fingern passiert.

Im Stehen übernimmt die linke Hand die gesamte Balgarbeit
Sitzen und Stehen sind zwei verschiedene Instrumente, auch wenn es dieselbe Ziehharmonika bleibt. Im Sitzen stützt der Oberschenkel den Balg. Im Stehen übernimmt die linke Hand diese Arbeit komplett – sie hält das Gewicht, öffnet und schließt den Balg und muss gleichzeitig die acht Bassknöpfe treffen, ohne hinzusehen.
Ich habe das zum ersten Mal richtig gespürt, als der Widerstand beim Öffnen des Balgs auf einmal weich wurde – spürbar in den Fingerspitzen, lange bevor sich der Ton überhaupt veränderte. Im Sitzen war mir das nie aufgefallen, weil der Oberschenkel einen Teil dieser Rückmeldung einfach abfängt.
Es ist wie festes Abtasten bei einer schwierigen Vene: Irgendwann sitzt die Bewegung im Finger, ohne dass man hinschauen muss. Genau dieses Muskelgedächtnis entwickelt sich im Stehen schneller, weil kein Oberschenkel die Rückmeldung dämpft.
Was passiert mit den Schultern, wenn die Technik nicht stimmt?
Hält man im Stehen das Instrument mit der reinen Kraft der Schultern statt mit den Gurten, merkt man das schnell: ein Ziehen im linken Schulterblatt, genau dort, wo der Balg beim Öffnen zieht. Es ist wie beim Umlagern eines Patienten: stimmt die Technik nicht, geht die Last auf den Rücken statt auf die Beine.
Das ist das Signal, die Gurte nachzuziehen, bevor man weiterspielt, nicht die Schultern noch fester anzuspannen. Zwei Finger sollten locker zwischen Gurt und Schulter passen; enger darf es beim Stehen eigentlich nie sein.

So triffst du die Entscheidung für die jeweilige Übungseinheit
Nach einer Doppelschicht, wenn die Finger sich kaum noch einzeln bewegen wollen, ist der Sessel im Wohnzimmer die richtige Wahl. Die Stütze am Oberschenkel nimmt eine Sorge weg, sodass nur noch die Finger arbeiten müssen. Für reine Hausmusik am Feierabend reicht das meistens völlig aus.
Ich nehme die Kleine dafür manchmal mit hinaus, auf die Strandpromenade in Warnemünde, wenn dort am frühen Morgen noch nicht viel los ist, hier in Rostock-Warnemünde direkt am Wasser. Dann stehe ich einfach da und übe die Übergänge zwischen Ziehen und Drücken, mit so viel Platz um mich herum, wie ich will.
Faustregel: Sitzen, wenn die Finger im Mittelpunkt stehen sollen. Stehen, wenn der Balg selbst das Thema ist.
Wo bleibt die Musik in dieser Rechnung?
Der Wechsel zwischen beiden Haltungen ist auch deshalb sinnvoll, weil er die Motivation für die Ziehharmonika im Schichtdienst frisch hält. Nichts ermüdet schneller als jeden Abend exakt dieselbe Übung in derselben Haltung.
Als ich Almut, eine alte Freundin aus der Pflegeausbildung, am Telefon von diesem Hin und Her erzählte, musste sie wieder über die Geschichte mit der Nachbarin lachen, die sie einfach nicht vergisst.
Die kurze Antwort auf eine offene Frage
Am Ende bleibt es keine Glaubensfrage. Sitzen üben, wenn die Kontrolle über einzelne Finger oder eine schwierige Passage im Vordergrund steht. Stehen üben, wenn der Balg selbst das Thema ist – die Balance, das ganze Instrument als ein System, nicht nur als eine Reihe von Knöpfen.
Für Tove heißt das vermutlich: erst am Tisch, das Hohner der Großmutter auf dem Oberschenkel, die Bassknöpfe finden ohne hinzusehen. Und danach, wenn die Knöpfe sitzen, ein paar Minuten im Stehen dazu, um zu spüren, was sich verändert.