
Ein Ton ohne genug Luft klingt brüchig, fast wie ein Atem, der nicht durchkommt.
Bei mir klingt er brüchig, fast wie ein Atem, der nicht durchkommt. Nach einer Schicht auf der Kardiologie sitze ich manchmal noch wach, die Ziehharmonika auf dem Schoß, und übe genau das eine: einen einzigen Ton halten, gleichmäßig, ohne Zittern im Arm. Balgkontrolle nennt sich das. Am Anfang kannte ich nicht mal das Wort dafür, nur das Gefühl, dass irgendetwas fehlt.
Balgkontrolle: Warum es nicht an den Fingern liegt
Was ich inzwischen weiß: Gleichmäßiger Druck auf den Balg ist für einen stabilen, sauberen Ton wichtiger als die Fingertechnik. Das hat mir niemand am Anfang gesagt. Ich dachte, ein sauberer Ton kommt von der richtigen Taste zur richtigen Zeit, also habe ich Wochen damit verbracht, meine Finger zu trainieren, während der Balg einfach machte, was er wollte.
Bei einer zweireihigen Ziehharmonika wie meiner liegen die Töne unterschiedlich, je nachdem ob ich ziehe oder drücke, anders als bei einem Akkordeon, wo dieselbe Taste in beide Richtungen denselben Ton gibt. Das macht die Balgführung noch wichtiger, weil jede kleine Unruhe im Arm sofort im Klang landet. Der Fingersatz der rechten Hand war lange mein Hauptthema, bis ich gemerkt habe, dass eigentlich die linke Hand am Balg die Arbeit macht.
Die tiefen Töne spüre ich bei einem lauten Akkord inzwischen fast mehr in der Brust, als dass ich sie höre. Am Anfang war mir das unheimlich. Inzwischen mag ich es.

Was mir am Anfang nicht geholfen hat
Einen klassischen Ziehharmonika-Anfängerkurs mit fester Lehrerin gab es für mich nie. Mit über vierzig zum ersten Mal ein Instrument zu lernen, dazu noch im Schichtdienst, dafür ist im Kalender einfach kein Platz. Noten lese ich bis heute nicht richtig, ich spiele nach Gehör, Ton für Ton, bis es halbwegs passt.
Eine App habe ich mir früh heruntergeladen, in der Hoffnung, sie würde mir mit dem Balg helfen. Sie war für Gitarrenanfänger gemacht. Griffdiagramme, Akkordwechsel, Zupftechnik — alles ziemlich nutzlos für ein Instrument, bei dem die eigentliche Arbeit im Arm passiert und nicht in den Fingerspitzen. Nach zwei Wochen habe ich sie gelöscht.
Die Koordination zwischen beiden Händen kam bei mir erst spät überhaupt zusammen, und wenn meine Finger nach einer Doppelschicht wie Holzstöcke sind, klappt an dem Abend sowieso nichts. Dann lasse ich es. Manchmal hilft ohnehin weniger Kraft und mehr Pflege — ich habe mal aufgeschrieben, wie man eine zweireihige Ziehharmonika reinigen kann, weil Staub in den Stimmzungen genauso für einen ungleichmäßigen Ton sorgt wie ein unruhiger Arm.
Widerstand nutzen, statt dagegen anzukämpfen
Lange habe ich versucht, den Balg so sanft wie möglich zu führen, aus Angst, etwas kaputt zu machen. Erst als ich anfing, bewusst gegen den Widerstand des Luftknopfs zu arbeiten, ohne einen einzigen Ton zu spielen, hat sich etwas verändert. Nur das Rauschen der Luft, nichts weiter. Das trainiert die kleinen Muskeln im Unterarm anders als jedes Lied.
Meine Haltung spielt da mit rein, mehr als mir lieb ist. Wenn ich krumm sitze, kann der Balg nicht frei arbeiten, und mein Rücken meckert nach den Doppelschichten sowieso schon genug. Ich habe dazu mal etwas über die Haltung für Anfänger geschrieben, weil das für mich am Ende genauso wichtig war wie jede Fingerübung.
Das leichte Schweben im Ton, das manche Tremolo nennen, mag ich an "der Kleinen" besonders, gerade weil sie nicht perfekt gestimmt ist. Eine Kollegin von mir schwimmt jeden Morgen in der Neptun-Badeanstalt, bevor ihre Frühschicht beginnt, und sagt, das sei ihr Ausgleich. Meiner sieht anders aus: ein Instrument, ein Sessel, zwanzig Minuten, in denen ich an nichts anderes denke als an einen einzigen, gleichmäßigen Ton.

Woche sechs: Der Moment am Briefkasten
In der sechsten Woche ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass sich etwas verschoben hatte. Nicht beim Spielen selbst, sondern beim Weggehen. Ich bin der Nachbarin am Briefkasten begegnet, derselben, die sich am Anfang über jeden schrillen Abend beschwert hatte, und sie meinte nur beiläufig, es klinge in letzter Zeit richtig schön von drüben. Kein großes Kompliment, eher eine Feststellung im Vorbeigehen. Trotzdem bin ich den ganzen Weg zur Arbeit mit einem dummen Grinsen gelaufen.
Danach bin ich, statt direkt nach Hause zu fahren, den Umweg über den Ostseestrand bei Markgrafenheide gegangen. Kein besonderer Grund, nur um den Kopf freizubekommen, bevor die nächste Schicht anfängt. Der Wind dort ist immer etwas härter als in Warnemünde, und ich habe gemerkt, dass ich die ganze Zeit den Rhythmus einer Melodie im Kopf mitgeklopft habe, ohne es überhaupt zu bemerken.
Hilfe aus dem Internet nutze ich inzwischen trotzdem ab und zu, wenn ich alleine nicht weiterkomme. In meinem Bericht zum Online-Unterricht habe ich schon erzählt, wie mir ein paar strukturierte Lektionen geholfen haben, überhaupt zu verstehen, was ein Bass am Akkordeon eigentlich macht.
Es gibt trotzdem noch so viel, was ich nicht kann. Griffschrift lesen zum Beispiel ist für mich bis heute nur Buchstabensalat. Einen Wechselbass sauber mit einer Basslinie in der linken Hand verbinden — kaum angefangen. Ein echtes Taktgefühl, nicht nur mitzählen — noch weit weg. Und die Tastenbelegung auswendig, ohne auf die Knöpfe zu schauen — auch das kommt frühestens nächstes Jahr.
Was ich aus den sechs Wochen für dieses kleine Übungstagebuch mitnehme, ist eigentlich simpel: Ich habe aufgehört, an den Fingern zu arbeiten, und angefangen, am Arm zu arbeiten. Wenn deine Ziehharmonika gerade immer schrill oder abgehackt klingt, leg die Finger für ein paar Tage beiseite und übe nur das Ziehen und Drücken, ganz ohne Melodie. Der Ton kommt danach von ganz allein ruhiger.