Akkordeon Bassknöpfe lernen: Wie ich blind die Töne finde

Drei Finger. Mehr braucht die linke Hand beim Akkordeon lernen nicht, um durch alle acht Bassknöpfe zu navigieren – Zeige-, Mittel- und Ringfinger, während der Daumen sich am Gehäuse festhält und höchstens den Luftknopf bedient. Als ich das neulich meiner alten Freundin Almut am Telefon erklärt habe, hat sie kurz gestutzt: nur drei, für acht Knöpfe? Genau diese Art von Frage bekomme ich seit einer Weile immer wieder gestellt, meistens von Leserinnen, die wie ich ganz ohne Vorkenntnisse angefangen haben und jetzt vor derselben linken Hand sitzen, die sich anfangs anfühlt wie ein Fremdkörper.

Fast jede Nachricht, die mich erreicht, dreht sich um dasselbe Problem: die linke Hand bleibt unsichtbar, sobald man den Balg auch nur ein Stück öffnet. Deshalb beantworte ich heute mal ein paar der Fragen, die am häufigsten bei mir landen, statt einfach nur zu erzählen, wie meine Woche war.

Warum sehe ich meine Bassknöpfe nie?

Rechts kann man wenigstens aus dem Augenwinkel schauen, wenn die Melodie mal hakt. Links geht das nicht – die Hand verschwindet hinter dem Balg, sobald man zu spielen beginnt, und man ist allein auf das Fingerspitzengefühl angewiesen.

Auf Station ist das übrigens nicht anders, wenn ich bei einem Patienten mit schlecht sichtbaren Venen Blut abnehmen muss: Man tastet, man spürt den Widerstand, und irgendwann weiß die Hand es einfach, ohne dass der Kopf noch mitreden muss. Genau dieses Muskelgedächtnis versuche ich auf die acht Bassknöpfe der Kleinen zu übertragen, und es funktioniert erstaunlich gut, sobald ich aufhöre, hinsehen zu wollen.

Almut hat mich neulich gefragt, ob ich beim Üben absichtlich wegschaue oder ob das automatisch passiert. Beides, würde ich sagen. Am Anfang musste ich mich zwingen, die Augen zu schließen oder stur geradeaus zu schauen, sobald der Kopf sich Richtung Balg drehen wollte. Mittlerweile passiert es von selbst, weil jeder Blick nach links den Rhythmus ohnehin zerstört.

Wenn ich mit dem Hund im Rostocker Stadtpark am Barnstorfer Wald unterwegs bin, gehe ich die Knopffolge manchmal nur im Kopf durch, ganz ohne Instrument in der Hand, einfach um zu prüfen, ob die Reihenfolge auch ohne den Balg unter den Fingern noch sitzt. Das hilft mir mehr als jede Übung am Tisch, dazu gleich mehr.

Bassknöpfe ertasten beim Akkordeon lernen: Nahaufnahme der linken Hand ohne hinzusehen

Der Knopf mit der Einkerbung als einziger Fixpunkt

Einer der acht Knöpfe fühlt sich anders an als alle anderen – eine winzige Kerbe, die ich mit dem Mittelfinger sofort erkenne. Das ist mein C-Bass, mein Nullpunkt, von dem aus sich alles andere erschließt.

Ohne diesen einen haptischen Anker wäre die ganze linke Hand für mich reine Ratearbeit. Sobald der Mittelfinger die Kerbe findet, weiß der Rest der Hand automatisch, wie weit er sich nach oben oder unten bewegen muss – Ring- und Zeigefinger orientieren sich einfach daran, ohne dass ich noch zählen müsste.

Wie man sich diese Art von Wissen überhaupt ganz ohne festen Unterricht aneignet, darüber habe ich an anderer Stelle ausführlicher geschrieben, nämlich in Akkordeon für Anfänger: Tipps für den Einstieg ohne Lehrer, weil mein Dienstplan feste Termine sowieso fast unmöglich macht. Der Fingersatz der rechten Hand ist übrigens ein komplett eigenes Thema, genau wie die Frage, was eine zweireihige Ziehharmonika eigentlich von einem klassischen Akkordeon unterscheidet – beides spare ich mir für einen anderen Text.

Wenn die Finger einfach nicht mitspielen wollen

Vor einer Weile habe ich versucht, die Fingerfolge nur auf der Tischplatte zu üben, ganz ohne die Kleine überhaupt in der Hand zu haben, weil ich dachte, das würde sich schneller einprägen. Es hat nicht funktioniert. Ohne den Widerstand der Knöpfe und ohne den Druck des Balgs fühlt sich jede Bewegung völlig anders an, und am Instrument selbst musste ich trotzdem wieder von vorn anfangen.

Almut stellt bei solchen Fragen immer die praktischste aller Fragen: Übe ich lieber kurz und oft, oder selten und lang? Das hängt bei mir vom Dienstplan ab, aber kurze Einheiten mit echter Konzentration bringen mehr als eine lange Session, in der die Finger nach einer Doppelschicht sowieso nicht mehr einzeln wollen.

Ziehharmonika mit Bassknöpfen neben einer Kaffeetasse – Übungspause beim Akkordeon lernen als Anfängerin

Um mehr Struktur ins Chaos zu bringen, habe ich vor einer Weile angefangen, ein paar Online-Lektionen zu verfolgen, und mich dabei auch gefragt: Meine Musikschule Akkordeon Kurs: Lohnt sich der Online Unterricht? Ob ich dabei nach Griffschrift übe, fragt mich übrigens auch oft jemand – nein, das ist ein eigenes Kapitel, das ich hier nicht aufmache. Genauso wenig wie das Taktgefühl an sich, das Zusammenspiel beider Hände oder die Frage, wie man Melodien überhaupt nach Gehör findet – alles Themen, die einen eigenen Beitrag verdienen.

Was Tove mit ihrem Übungsprotokoll herausgefunden hat

Eine Leserin aus Greifswald, Tove, hat mir vor einiger Zeit privat geschrieben – sie hat die Ziehharmonika ihrer Großmutter geerbt und führt seitdem ein ziemlich genaues Übungsprotokoll, in dem sie jeden einzelnen Bassknopf notiert, der noch hakt. Genau diese Genauigkeit hat mich selbst dazu gebracht, ehrlicher mit mir umzugehen, wenn ein Ton einfach nicht sitzen will, statt es schönzureden.

Kurz nach Mitternacht, nach einer Spätschicht, habe ich mich neulich hingesetzt und wollte nur einmal 'Kein schöner Land' ganz durchspielen, ohne an einem einzigen Bassknopf hängen zu bleiben. Es hat geklappt, zum ersten Mal, und erst als der letzte Ton verklungen war, wurde mir klar, dass die linke Hand längst wusste, was sie tat, ganz ohne dass ich noch bewusst mitdenken musste.

Der Wechselbass, dieses Muster aus Grundton und dazugehörigem Akkord, das den eigentlichen Rhythmus trägt, ist dabei natürlich ein riesiger Teil der ganzen Geschichte – aber ein Thema, dem ich lieber einen eigenen Beitrag widme, statt es hier nur anzureißen. Genau wie die komplette Tastenbelegung der Kleinen, die ich woanders im Detail aufgeschrieben habe.

Wie laut darf ich in der Mietwohnung überhaupt üben?

Meine Nachbarin hat sich am Anfang tatsächlich über die Wand beschwert – inzwischen nicht mehr, sie meinte neulich im Hausflur sogar, es klinge abends ziemlich beruhigend, wenn ich leise übe. Ich achte trotzdem sehr darauf, nach dem Spätdienst nicht zu laut zu werden.

Es gibt da ja diese ungeschriebenen Regeln über Mietwohnung und Akkordeon: Rücksicht auf Nachbarn beim Üben nehmen, und die nehme ich inzwischen sehr ernst. Wie man den Balg selbst kontrolliert, um auch leise noch sauber zu klingen, ist übrigens nochmal eine eigene Technik, die über die Bassknöpfe hinausgeht – dazu ein andermal mehr, genau wie zur bequemen Sitzhaltung, ohne die auf Dauer gar nichts geht.

Notizen zu den Bassknöpfen neben einer Kaffeetasse – Übungsprotokoll beim Akkordeon lernen

Ob das Tremolo, dieser schwebende Doppelklang, den manche Akkordeons haben, bei der Kleinen überhaupt eine Rolle spielt, fragen mich auch immer wieder Leute – die Antwort ist ein andermal fällig, genau wie die Frage, wie man ein Flohmarktinstrument überhaupt richtig pflegt und sauber hält.

Wenn du selbst gerade vor der linken Hand sitzt und nicht weißt, wo die Finger hingehören: Fang mit einem einzigen Fixpunkt an, einer Kerbe, einer Delle, irgendetwas, das sich anders anfühlt als der Rest. Alles andere baut sich von diesem einen Punkt aus auf, Knopf für Knopf, ganz ohne dass du je hinschauen musst.

Frag ruhig weiter. Ich antworte, auch wenn es manchmal ein paar Tage dauert zwischen zwei Spätschichten.

Verwandte Artikel