
Sieben Wochen. So lange hat es gedauert, bis ich eine Melodie einmal ganz zu Ende gespielt habe, ohne auch nur einmal auf die Knopfreihe zu schauen. Ob das schnell ist oder langsam, kann ich nicht sagen, ich habe keinen Vergleich. Nur meine Ziehharmonika, mein Ohr und die Wochen, die seit dem ersten Versuch vergangen sind, hier in Warnemünde Melodien rein nach Gehör zu suchen, ganz ohne Notenblatt.
Der Hund hat mich letzten Mittwoch mitten aus der Übung geholt. Sonst höre ich nur sein ruhiges Atmen neben mir, ein leises Auf und Ab zwischen zwei Phrasen, aber diesmal hat er mitten in der Phrase den Kopf gehoben und mich angeschaut, als hätte sich draußen etwas verändert. Vermutlich hat sich nur der Ton verändert. Zum ersten Mal klang die Melodie wie eine Melodie und nicht wie eine Aneinanderreihung von Versuchen, und das trage ich diese Woche extra in mein Tagebuch ein, weil es sich anders angefühlt hat als sonst.
Wie findet man eine Melodie nach Gehör, ohne sie je gesehen zu haben?
Wenn ich eine neue Melodie im Kopf habe, fange ich an zu summen, meistens etwas Altes, das noch von meiner Oma stammt, wie „Dat du mien Leevsten büst". Während ich summe, drücke ich einen Knopf, ziehe am Balg und vergleiche: passt das? Wie ich meine Finger dabei über die einundzwanzig Melodieknöpfe sortiere, ohne hinzusehen, habe ich neulich schon einmal genauer aufgeschrieben, in Zweireihige Ziehharmonika Fingersatz lernen: So klappt es mit der rechten Hand.
Auf der Station passiert etwas Ähnliches, wenn ich merke, dass mit einem Patienten etwas nicht stimmt, lange bevor der Monitor etwas anzeigt. Es ist ein Gefühl für das Falsche, keine Formel, die man nachschlagen kann. Genau dieses Gefühl nutze ich inzwischen auch beim Üben, ich höre den Fehlton, bevor ich erklären könnte, warum er falsch war. Eine Ziehharmonika ist wechseltönig, ein Knopf gibt beim Ziehen einen anderen Ton als beim Drücken, das ist der große Unterschied zu einem Akkordeon, aber das ist noch mal ein eigenes Thema für sich, mit dem ich mich hier nicht aufhalte.

Der Notenzettel, der mehr verwirrt hat als geholfen
Im März habe ich mir ein Notenheft aus dem Musikladen gekauft, extra für Anfänger beworben, mit großen Notenköpfen und bunten Zahlen darüber. Zwanzig Minuten habe ich davorgesessen und nichts verstanden. Die Zahlen sollten wohl Finger bedeuten, aber welcher Finger auf welchen Knopf gehört, stand nirgends, und die Notenlinien haben mir nur eins gesagt: Patientenakte mit unleserlicher Handschrift.
Zwei Wochen lag das Heft ungeöffnet herum, mehrfach vorgenommen und wieder weggelegt. Am Ende bin ich zurück zum reinen Zuhören gegangen, und das fühlte sich nicht wie ein Rückschritt an, eher wie eine Entscheidung, die längst fällig war. Es gibt wohl auch eine vereinfachte Schreibweise nur für Ziehharmonika, Griffschrift genannt, aber die habe ich mir bis heute nicht angesehen. Eine Lehrerin hätte mir das alles vermutlich in einer einzigen Stunde erklärt, aber ich lerne ohne, und dazu gehören eben solche Umwege.
Fehler hören, bevor man sie versteht
Ich erlaube mir inzwischen, absichtlich daneben zu greifen. Wenn ein Ton schräg klingt, halte ich kurz inne und frage mich, ob er zu hoch war, zu tief, oder ob der Balg im falschen Moment die Richtung gewechselt hat. Wie man den Balg dabei so kontrolliert, dass die Melodie nicht abreißt, ist noch mal ein eigenes Kapitel, mit dem ich mich gerade erst anfreunde.
Die Haltung spielt dabei mehr mit rein, als ich am Anfang gedacht habe, wie der Gurt sitzt, wie die Schultern stehen, das verändert, wie fein ich noch höre, ob ein Ton stimmt. Und die Koordination zwischen beiden Händen, die man wohl Handkoordination nennt, kommt bei mir erst jetzt langsam, nach Wochen, in denen ich beide Hände noch komplett getrennt gedacht habe.

Die linke Hand lernt langsamer als die rechte
Acht Bassknöpfe liegen links, und lange klangen sie für mich nur wie Störgeräusch neben der Melodie. Im April habe ich aufgehört, ganze Begleitmuster erzwingen zu wollen, und stattdessen nur noch einen einzelnen Bass im Takt zur Melodie gesetzt. Wie man von einem Bass zum nächsten wechselt, ohne den Faden zu verlieren, nennt sich wohl Wechselbass, und das ist bei mir bislang mehr Zufall als System. Wie man daraus überhaupt eine zusammenhängende Basslinie baut, ist noch mal ein ganz eigenes Kapitel für sich.
Wann welcher Knopf welchen Ton bringt, dafür gibt es ein festes System, eine Tastenbelegung, aber ich spiele noch zu viel nach Gefühl, um sie wirklich auswendig zu kennen. Mein Taktgefühl kommt eher aus der Bewegung als aus dem Zählen, und weil das bei mir immer wieder aus dem Tritt gerät, lese ich gerade in Taktgefühl trainieren auf der Ziehharmonika: Tipps für den richtigen Rhythmus nach, wie andere das in den Griff bekommen. Die zweite Reihe liegt bei meiner Kleinen eine Quarte höher als die erste, und beide zusammen erzeugen manchmal dieses leichte Schweben, das wohl Tremolo heißt, wie genau das entsteht, weiß ich bis heute nicht.

Kein Blatt Papier, aber ein Ohr, das mitdenkt
Eine Kollegin von der Station geht nach Nachtschichten Nordic Walking durch den Küstenwald bei Warnemünde, um den Kopf leer zu bekommen. Ich habe dafür die Kleine. Manchmal laufe ich vorher noch ein Stück die Warnow-Promenade entlang, zwischen Gehlsdorf und der Stadtmitte, aber irgendwann sitze ich doch wieder mit dem Instrument da und suche den nächsten Ton.
Wie man so ein gebrauchtes Instrument richtig pflegt, ohne dem Balg oder den Stimmzungen zu schaden, ist noch mal ein ganz eigenes Thema, mit dem ich mich bisher kaum beschäftigt habe. Was mir diese sieben Wochen dagegen schon gezeigt haben, ist simpel: Man muss nicht jede Note kennen, um eine Melodie zu besitzen. Man muss nur genug falsche Töne aushalten, bis das Ohr von selbst weiß, wohin der nächste gehört.
Vielleicht schaue ich mir nächste Woche Akkordeon online lernen für Anfänger an, nur um zu sehen, ob die Theorie hinter dem, was ich schon höre, irgendwo aufgeschrieben steht. Bis dahin reicht mir, was die Finger schon wissen, auch wenn der Kopf noch hinterherkommt.