
Auf einem Klavier bleibt jede Taste, was sie ist. Auf meiner zweireihigen Ziehharmonika verwandelt sich derselbe Knopf in einen ganz anderen Ton, sobald ich den Balg von Zug auf Druck umlege, und genau darin liegt der ganze Unterschied, wenn man den Fingersatz für die rechte Hand lernen will. Wer zum ersten Mal vor einem diatonischen Akkordeon sitzt, hält kein Klavier mit Knöpfen in der Hand, sondern ein Instrument mit einer eigenen, wechseltönigen Logik. Genau diese Logik will ich hier für die Diskantseite auseinandernehmen, Knopf für Knopf, Finger für Finger.
Ich bin Krankenschwester, keine Musiklehrerin, und lerne als Anfängerin seit diesem ersten Jahr an der Kleinen, ganz ohne Unterricht. Genau deshalb musste ich mir den Fingersatz selbst erarbeiten, Fehler eingeschlossen — ohne Lehrerin bleibt einem gar nichts anderes übrig, als es direkt am eigenen Instrument auszuprobieren, statt es sich erklären zu lassen.
Zug und Druck: Der Kern des Fingersatzes auf der Diskantseite
Auf einer diatonischen Ziehharmonika bringt ein und derselbe Knopf zwei verschiedene Töne hervor, je nachdem, ob der Balg gerade gezogen oder gedrückt wird. Das ist kein Detail am Rande, sondern der Kern von allem, was mit dem Fingersatz zu tun hat: Der Finger bleibt oft auf demselben Knopf liegen, während sich unter ihm der Ton ändert, einfach weil sich die Balgrichtung dreht. Wer das einmal verinnerlicht hat, hört auf, nach vermeintlich falschen Knöpfen zu suchen, und fängt an, in Zug-Druck-Paaren statt in einzelnen Tönen zu denken.
Welche Reihe gehört welchem Finger?
Meine Ziehharmonika hat auf der Diskantseite zwei parallele Reihen mit Melodie-Knöpfen. Ich habe mir angewöhnt, dem Zeigefinger die obere Reihe fest zuzuweisen und dem Mittelfinger die untere, nicht, weil das irgendwo vorgeschrieben steht, sondern weil meine Hand so am wenigsten suchen muss. Der Ringfinger springt nur dort ein, wo eine Reihe alleine nicht ausreicht, meistens bei größeren Sprüngen in der Melodie.
So wie die Hand beim Blutabnehmen irgendwann von selbst die Vene findet, ohne dass ich noch bewusst nachdenke, findet der Finger auf der Diskantseite mit der Zeit seine Reihe von selbst. Ähnlich war es neulich, an einem Donnerstagabend nach der Spätschicht, mit einem Bass-Knopf auf der linken Seite: der zweite von unten, ich musste gar nicht mehr hinschauen, der Finger rutschte einfach dorthin. Genau dieses Nicht-mehr-Nachdenken ist das eigentliche Ziel beim Üben, nicht das Auswendiglernen von Positionen.

Der Daumen bleibt außen vor
Der Daumen spielt bei dieser Bauart praktisch keine eigene Note. Er liegt am Gehäuserand und stützt die Hand, damit die anderen vier Finger frei über die Knöpfe wandern können. Das war für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse überhaupt, weil ich unbewusst versucht hatte, ihn wie am Klavier mit einzubauen, was die ganze Handhaltung nur verkrampft hat. Sobald der Daumen einfach nur anliegt, statt mitzuspielen, wird der Rest der Hand spürbar ruhiger.
Warum fertige Fingersatz-Tabellen aus dem Netz oft nicht passen
Ich hatte mir am Anfang Fingersatz-Tabellen aus dem Internet ausgedruckt, in der Hoffnung, dass mir das die Sortierarbeit abnimmt. Jede sah anders aus. Andere Zahlen an denselben Knöpfen, andere Reihenfolge, je nachdem, wer die Tabelle hochgeladen hatte und für welches Instrument sie eigentlich gedacht war. Am Ende habe ich sie beiseitegelegt, weil sie mehr verwirrt als geholfen haben, und stattdessen beobachtet, wie meine eigene Hand die Knöpfe von sich aus greift.
Wie genau die Tastenbelegung einer bestimmten Ziehharmonika aussieht, welcher Knopf in welcher Reihe welchen Ton bringt, hängt vom jeweiligen Instrument ab und ist noch mal ein eigenes Thema für sich. Für den Fingersatz selbst reicht es, die beiden Reihen als feste Anlaufstellen für die Finger zu begreifen, unabhängig davon, welcher Ton konkret dahintersteckt.
Die Umschaltbewegung zwischen Zug und Druck trainieren
Meine Freundin Almut, die ich noch aus der Pflegeausbildung kenne, hat mich neulich am Telefon ganz praktisch gefragt, wie man so etwas eigentlich übt, Finger für Finger, ohne dass es nach stumpfem Wiederholen klingt. Meine Antwort: langsam anfangen, mit einem einzigen Knopf, und bewusst den Wechsel von Zug auf Druck spüren, bevor überhaupt eine Melodie dazukommt. Der Finger bleibt liegen, nur der Balg dreht die Richtung, und der Ton wechselt darunter, ganz ohne dass sich die Hand bewegt.
Wie viel Druck der Balg dabei tatsächlich braucht, ist wieder eine andere Baustelle, die eher mit Balgkontrolle als mit Fingersatz zu tun hat. Für die rechte Hand allein reicht es zu wissen: Je ruhiger der Balg geführt wird, desto leichter lässt sich der Fingerwechsel hören und korrigieren, weil kein zusätzliches Zittern im Ton den Fehler verdeckt.

Die Gesamthaltung, damit die Finger überhaupt frei über die zweite Reihe kommen, habe ich an anderer Stelle genauer aufgeschrieben, in meinen Notizen zu bequem Ziehharmonika spielen — hier soll es wirklich nur um die Finger selbst gehen.
Auch in meinem Bericht zum Ziehharmonika Anfängerkurs ging es am Rande um genau dieses Herantasten ohne festen, vorgegebenen Fingersatz.
Das Zeichen, dass der Fingersatz wirklich sitzt
Was hier bewusst außen vor bleibt: die Basslinie und der Wechselbass auf der linken Seite, die für den rhythmischen Groove sorgen, aber ein eigenes Kapitel sind. Auch die Griffschrift, mit der sich der Diskant lesen statt nur fühlen lässt, gehört nicht hierher, genauso wenig wie die Frage, ob eine zweireihige Ziehharmonika und ein normales Akkordeon überhaupt dieselbe Logik teilen. Ob ich eine Melodie nach Gehör finde oder das Zusammenspiel beider Hände koordiniere, sind wieder andere Baustellen, genau wie der Rhythmus im Blut, der mit reinem Fingersatz wenig zu tun hat. Und wie der leicht schwebende Ton mancher zweireihigen Instrumente entsteht, ist eine Klangfrage, keine Fingerfrage — genauso, wie man ein gebrauchtes Flohmarkt-Instrument überhaupt sauber und spielbereit hält, eine ganz andere Geschichte ist.
Woran merkst du, dass der Fingersatz wirklich sitzt, und nicht nur gerade zufällig funktioniert? Daran, dass die Finger bei einem Fehler von selbst zur richtigen Reihe zurückfinden, ohne dass du hinschauen musst. Bis dahin hilft nur eins: einen einzigen Übergang üben, den Zug-Druck-Wechsel auf einem Knopf, so lange, bis die Hand ihn nicht mehr als Übergang wahrnimmt, sondern als eine einzige durchgehende Bewegung.
Wenn der Fingersatz für die rechte Hand einmal so weit sitzt, ist der logische nächste Schritt, ihn an einfachen Liedern auszuprobieren, ganz ohne Vorkenntnisse in der Theorie.