Spieltechniken auf der Ziehharmonika: Töne verbinden oder trennen lernen

Es ist dieser eine Moment am Sonntagmorgen, wenn der Wind von der Ostsee herüberweht und die Welt in Warnemünde noch schläft. Ich sitze mit meiner zweiten Tasse Kaffee auf der Terrasse, der Hund hat sich zusammengerollt und wärmt meine Füße. Vor mir liegt 'die Kleine', meine zweireihige Ziehharmonika, die ich vor acht Monaten in Güstrow für 45 Euro aus einem Regal gerettet habe. Heute denke ich darüber nach, wie sich mein Spiel verändert hat – weg von dem hölzernen Klappern, hin zu etwas, das man fast Musik nennen könnte.

Anfangs klang bei mir alles gleich. Jeder Ton stand für sich, abgehackt und isoliert. Es erinnerte mich an meine Arbeit in der Kardiologie: Eine Patientenakte nach der anderen, sauber getrennt, keine Verbindung dazwischen. Aber Musik soll ja fließen. Letzten Sonntagabend saß ich in der Küche, nachdem ich nach acht-einhalb Stunden Schicht nach Hause gekommen war. Meine Finger rochen noch leicht nach Desinfektionsmittel, als ich das kühle Metall der Knöpfe berührte. In dieser Stille merkte ich zum ersten Mal richtig: Ich drücke nicht nur Knöpfe, ich atme mit diesem Instrument.

Das hölzerne Klappern: Warum wir am Anfang alles trennen

Wenn man ohne Vorkenntnisse anfängt, ist man froh, wenn überhaupt der richtige Ton kommt. Man drückt einen Knopf, zieht am Balg, lässt los. Der Ton stoppt abrupt. Dann sucht man den nächsten Knopf. Das Ergebnis ist ein sehr 'ehrliches', aber eben auch sehr abgehacktes Spiel. In der Musik nennt man das Staccato. Für mich war es einfach der Normalzustand. Ich dachte, das muss so klingen, schließlich ist die Ziehharmonika ein mechanisches Ding aus Holz und Metall.

Aber nach ein paar Monaten, so um den Juli herum, als es so heiß war, merkte ich, dass meine Lieder irgendwie stolperten. Es fehlte der Zusammenhalt. Ich habe dann angefangen, mich intensiver damit zu beschäftigen, wie ich die Töne länger klingen lassen kann. Das Problem bei meiner Kleinen ist die Bisonorität: Ein Knopf erzeugt beim Drücken und Ziehen zwei verschiedene Töne. Wenn ich also von einem Ton zum nächsten die Balgrichtung ändern muss, gibt es zwangsläufig eine Pause. Dieses technische Hindernis hat mich fast wahnsinnig gemacht.

Nahaufnahme von Händen, die die Knöpfe einer diatonischen Ziehharmonika drücken.

Legato lernen: Wenn die Töne anfangen zu fließen

Das Gegenteil von diesem abgehackten Spiel ist das Legato, das Gebundene. Ich habe gelernt, dass das Geheimnis nicht nur in den Fingern der rechten Hand liegt, sondern vor allem im linken Arm, der den Balg führt. Der Balg ist wie eine schwere Lunge, die sich gegen meine Brust dehnt. Wenn ich möchte, dass zwei Töne ineinanderfließen, darf der Druck im Balg nicht abreißen, während meine Finger die Knöpfe wechseln.

Das ist ein bisschen wie beim Blutabnehmen. Man braucht eine ganz ruhige, stetige Bewegung, keinen Ruck. Wenn ich die Finger zu früh hochnehme, bevor der nächste Knopf gedrückt ist, entsteht dieses Loch. Inzwischen versuche ich, den ersten Finger erst einen Bruchteil einer Sekunde nach dem Anschlagen des zweiten Tons zu lösen. Das erfordert eine Konzentration, die ich sonst nur brauche, wenn ich nachts um eins Medikamente stelle. Da hilft mir oft das Gedächtnistraining mit dem Akkordeon, um die Griffe so sicher zu beherrschen, dass ich mich voll auf den Balg konzentrieren kann.

Der Trick mit den bewussten Lücken

Hier kommt eine Erkenntnis, die ich erst seit etwa drei Wochen wirklich umsetze: Man muss nicht alles binden. Ganz im Gegenteil. Als Anfängerin habe ich versucht, krampfhaft jedes Legato zu erzwingen, was dazu führte, dass mein Balgfluss völlig außer Kontrolle geriet. Ich war ständig außer Puste – also, die Ziehharmonika war es.

Mein persönlicher Weg, der mir viel mehr Ruhe gegeben hat, ist es, bewusste Lücken einzubauen. Anstatt zu versuchen, eine ganze Zeile durchgehend zu binden, setze ich nach zwei oder drei Tönen ganz kurz ab. Diese winzige Pause gibt mir Zeit, den Balgdruck zu stabilisieren oder die Richtung zu wechseln, ohne dass es wie ein Unfall klingt. Es gibt dem Ganzen einen Rhythmus. Es ist wie das Atmen zwischen zwei Sätzen beim Sprechen. Diese kleinen Pausen stabilisieren meinen Spielfluss viel mehr als der Versuch, alles künstlich zusammenzukleben.

Detailaufnahme des Balgs einer Ziehharmonika beim Auseinanderziehen.

Die Tücke der Lufttaste und der 'Plopp'-Moment

Ein ganz entscheidender Punkt beim Trennen und Verbinden von Tönen ist die Lufttaste. Ohne sie geht bei der zweireihigen Ziehharmonika gar nichts. Ich erinnere mich an einen Moment letzten Mittwoch. Ich wollte eine Melodie ganz sanft ausklingen lassen, so wie ich es in einer Lektion meines Harmonicademy-Abos gesehen hatte. Aber ich habe die Lufttaste einen Moment zu spät gedrückt. Das Ergebnis war ein frustrierendes 'Plopp', als der letzte Ton wie ein Seufzer im leeren Raum verhungerte.

Die Lufttaste hilft dabei, Phrasen sauber zu beenden. Wenn man lernt, Töne zu trennen, ist sie der beste Freund. Man lässt den Knopf los und drückt gleichzeitig ganz kurz die Lufttaste, um den Restdruck aus dem Balg zu nehmen. So verhindert man dieses unschöne Nachschwingen der Stimmzungen. Es ist eine Koordinationsleistung, die meine Finger am Ende einer Doppelschicht manchmal verweigern. Wenn die Hände müde sind, werden sie steif, und dann wird aus dem sanften Binden wieder das alte, hölzerne Klappern.

Übung macht den Meister – auch ohne Musikschule

Ich habe keine Lehrerin, die mir auf die Finger klopft. Ich habe nur meine Sonntagmorgen-Routine und die ruhigen Minuten in der Nacht. Manchmal merke ich, dass ich von den Zufallstönen zum ersten Lied eine ganze Weile gebraucht habe, aber diese kleinen technischen Details wie das Legato-Spiel machen den Unterschied. Es ist die Geduld, die man auch mit schwierigen Patienten braucht. Man kann nichts erzwingen. Man muss dem Körper Zeit geben, das Muskelgedächtnis aufzubauen.

Wenn ich heute auf der Terrasse sitze und die Nachbarin von nebenan über den Zaun grüßt, ohne sich über den Lärm zu beschweren, dann weiß ich, dass es besser geworden ist. Mein Spiel hat jetzt mehr Struktur. Ich entscheide jetzt bewusst: Diese drei Töne gehören zusammen, da halte ich den Balg unter Spannung. Und beim nächsten Ton lasse ich locker, mache eine Pause, atme durch – und die Kleine atmet mit mir.

Es ist ein langer Weg von dem 45-Euro-Fundstück zu etwas, das wirklich nach Musik klingt. Aber jeder Moment, in dem ein Übergang zwischen zwei Tönen plötzlich nicht mehr hakt, sondern fließt, ist für mich ein kleiner Sieg über den stressigen Alltag auf Station. Es ist mein ganz persönlicher Rhythmus, den ich hier in Warnemünde gefunden habe.

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