
Die Schultern sind schon unten, ganz von selbst, während die rechte Hand längst bei der zweiten Reihe ist, ohne dass ich hinschaue. Nach einer Nachtschicht auf der Kardiologie merke ich das öfter: Der Körper lässt die Anspannung los, noch bevor der Kopf überhaupt registriert, dass er suchen könnte. Genau darum geht es beim Knopfakkordeon lernen mit dieser diatonischen, zweireihigen Ziehharmonika: um die Frage, ob die Augen beim Finden der Knopfreihen überhaupt gebraucht werden, oder ob die Finger es allein besser können.
Zwei Reihen hat diese Ziehharmonika, mehr nicht, aber für Einsteiger ohne jede Vorkenntnis fühlte sich das anfangs an wie ein Labyrinth ohne Karte. Zwischen den beiden Reihen liegt ein fester Abstand, egal wo auf dem Griffbrett man gerade ist: ein Sprung, den der Finger irgendwann auswendig kennt, ganz ohne dass der Kopf mitzählt.
Ziehharmonika-Tipps: Hinsehen oder hinfühlen bei den Knopfreihen
Wer hinsieht, kontrolliert. Der Nacken reckt sich über das Gehäuse, die Augen kleben an den weißen Knöpfen, und jeder Ton kommt eine Idee zu spät, weil das Auge langsamer meldet, als die Fingerspitze fühlt. Auf Dauer macht das steif. Nach einer Schicht auf Station ist ein verspannter Nacken das Letzte, was ich noch gebrauchen kann.
Versucht habe ich es trotzdem eine Weile mit Videos aus dem Internet, in der Hoffnung, dass mir jemand zeigt, wie die Finger wandern sollen. Die meisten Tutorials waren für Leute gemacht, die schon wussten, wovon die Rede war. Sie sprangen über Grundlagen hinweg, als wäre selbstverständlich, was für mich komplettes Neuland war. Nach der dritten abgebrochenen Lektion habe ich die Videos weggelassen und stattdessen einfach angefangen, mit geschlossenen Augen zu tasten.

Ganz ohne Vorwissen ist das ein Sprung ins kalte Wasser, aber genau wie beim Akkordeon für Anfänger ohne Lehrer geht es zuerst nur darum, überhaupt ein Gefühl für die Distanzen zwischen den Knöpfen zu bekommen. Die Tastenbelegung liest man dabei nicht ab wie eine Partitur, sondern ertastet sie: zwei Reihen, feste Abstände, und irgendwann weiß die Hand auch ohne Blick, welcher Knopf beim Ziehen welchen Ton gibt.
Der Ankerpunkt-Daumen gegen die freie Armführung
Der Daumen an der Gehäusekante war der erste feste Punkt, an dem sich die restliche Hand orientieren konnte. Auf dem mittleren Knopf der zweiten Reihe sitzt eine winzige Erhebung im Kunststoff, kaum mehr als eine Unebenheit. Lange hielt ich sie für einen Fabrikationsfehler, inzwischen ist sie mein festester Anhaltspunkt im Dunkeln. Wer sich aber dauerhaft nur auf so einen Tastpunkt verlässt, bleibt von ihm abhängig: Rutscht die Hand einmal ab oder sitzt der Riemen an der Schulter zu locker, ist die Orientierung sofort wieder weg.
Anders funktioniert die zweite Methode, die ich mittlerweile für verlässlicher halte: die Armführung selbst so zu trainieren, dass kein einzelner Tastpunkt mehr nötig ist. Der Ellbogen merkt sich den Winkel, das Handgelenk die Neigung, und irgendwann weiß der Arm, in welcher Reihe er landet, ganz ohne den kleinen Buckel auf dem Knopf zu suchen. Meine Kollegin Elsbeth Martens hat mich neulich in der Frühstückspause dabei erwischt, wie ich unter dem Tisch mit den Fingern die Reihen probte, während sie mir wie so oft einen Löffel ihrer selbstgemachten Suppe aufdrängen wollte. Sie fand das befremdlich lustig, für mich waren es einfach zehn Minuten Übung, die sich sonst nirgendwo unterbringen ließen.
Warum das Auge bei der Ader und beim Akkordeon unterschiedlich viel taugt
Beim Blutabnehmen gilt ein ähnliches Prinzip. Im Schichtdienst muss ich eine Vene meist nicht lange suchen – die Fingerspitzen kennen den Widerstand unter der Haut, noch bevor der Blick überhaupt hinschaut. Auf der Ziehharmonika ist das genauso: Sobald das Muskelgedächtnis übernimmt, kostet jede Sekunde Hinsehen nur Zeit, denn die Finger sind ohnehin schneller als die Augen.
Ein Leser aus Stralsund, Heinrich Grabow, hat mir genau diese Frage gestellt, seit er seine Hohner in die Hände bekommen hat: ob er sich zwingen soll, die Finger nicht mehr anzusehen, obwohl bei ihm noch wenig sitzt. Er bleibt dabei erstaunlich gelassen, auch wenn eine Passage einfach nicht flüssiger werden will, und genau diese Ruhe ist wahrscheinlich der eigentliche Vorteil – wer sich nicht unter Druck setzt, bleibt auch beim Tasten geduldig, statt aus Frust doch wieder hinzuschauen.

Wann sich blindes Spiel lohnt – und wann der Blick doch helfen darf
Im IGA-Park Rostock-Schmarl kenne ich mittlerweile jede Wegbiegung, ohne auf den Boden zu schauen – die Füße spüren das leichte Gefälle, bevor der Kopf registriert, dass der Pfad nach links abknickt. Auf der Ziehharmonika ist es dasselbe Prinzip: Ein Weg, den man oft genug gegangen ist, muss man nicht mehr ansehen, um ihn zu finden.
Manchmal hilft es, sich zuerst nur auf die linke Hand zu konzentrieren, indem man den Wechselbass auf der Ziehharmonika lernt, um ein festes Fundament zu haben, während die rechte Hand noch tastet. Ist der Handriemen zu locker, schwimmt die Hand ohnehin, egal wie sehr man hinsieht oder fühlt. Die Distanzwahrnehmung braucht einen festen Kontaktpunkt, um überhaupt etwas zu melden.
Schau hin, wenn eine Passage neu ist oder etwas so gar nicht klingen will, wie es soll – das ist Fehlersuche, kein Rückschritt. Schließ die Augen oder mach das Licht aus, sobald ein Stück schon sitzt und nur noch flüssiger werden soll, denn dann bremst der Blick nur noch. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich jede Übungseinheit – nicht als Fortschritt von hinsehen zu hinfühlen, sondern als ständiger Wechsel, je nachdem, was die Passage gerade braucht.