
Es war letzte Woche, nach einer besonders langen Nachtschicht auf der Kardiologie, als ich es das erste Mal so richtig gespürt habe. Es war fast ein Uhr nachts, die Station war endlich ruhig gewesen, aber mein Kopf summte noch von den Monitor-Alarmen und dem leisen Zischen der Sauerstoffgeräte. Ich saß in meiner kleinen Küche in Warnemünde, das Fenster einen Spalt offen, sodass man das ferne Rauschen der Ostsee hören konnte. Ich nahm meine 'Kleine' vom Regal – diese kleine, zweireihige Ziehharmonika, die ich vor acht Monaten für 45 Euro auf dem Trödelmarkt in Güstrow gefunden habe.
Ich drückte ganz vorsichtig einen Knopf in der äußeren Reihe, wollte nur kurz dieses wohlige Brummen hören, bevor ich ins Bett falle. Aber da war es: Ein seltsames Klirren. Ein Geräusch, das vorher nicht da war. Es fühlte sich an wie ein leichtes Ziehen im Nacken, so als würde ein Ton physisch im Ohr vibrieren, fast wie ein falscher Alarmton auf Station, bei dem man sofort weiß: Da stimmt was nicht. Ich bin keine Musikerin, ich habe keine Ahnung von Noten, aber mein Gehör ist durch den Job darauf getrimmt, Abweichungen im Rhythmus oder im Klang zu bemerken. Und meine Ziehharmonika klang plötzlich... heiser.
Der Moment, wenn die Stille nicht mehr stimmt
Wenn man so wie ich ohne Plan anfängt, weiß man am Anfang gar nicht, was 'richtig' klingt. Als ich sie im späten Februar kaufte, war ich einfach nur froh, dass überhaupt Töne herauskamen. Das Instrument stand in Güstrow zwischen einem alten Kupferkessel und einer Briefmarkensammlung. Es sah traurig aus. Ich erinnere mich noch an den Geruch von altem Holz und staubigem Leder, der aus dem Balg strömte, als ich dort auf dem Markt den ersten tiefen Bassknopf drückte. Es war ein schwerer, ehrlicher Geruch nach Dachboden und Geschichte.
Inzwischen, nach acht Monaten, kenne ich meine Kleine besser. Ich weiß, welcher Knopf ein bisschen hakt und welcher Bass sich endlich 'gesetzt' hat, so wie man nach einer Weile weiß, welcher Patient nachts unruhig wird, noch bevor er klingelt. Aber dieses neue Klirren war anders. Es war nicht das normale Atmen des Balgs. Es war ein metallisches Zittern, das besonders bei einem hohen Ton auftrat.

Das Rätsel der Wechseltönigkeit
Das Schwierigste für mich als Anfängerin ist zu verstehen, dass ein Knopf nicht nur ein Ton ist. Meine Ziehharmonika ist wechseltönig. Das bedeutet, wenn ich den Balg ziehe, kommt ein anderer Ton heraus, als wenn ich ihn drücke. Das ist anfangs völlig verwirrend, fast so, als müsste man mit der linken Hand Blutdruck messen und mit der rechten gleichzeitig ein EKG schreiben. Man muss zwei unterschiedliche Töne pro Taste im Kopf behalten.
Um herauszufinden, ob eine Stimmzunge wirklich verstimmt ist, habe ich angefangen, die Töne systematisch zu vergleichen. Ich ziehe den Balg ganz langsam auf und höre genau hin. Dann drücke ich ihn mit derselben Kraft wieder zusammen. Wenn der Ton beim Ziehen sauber klingt, aber beim Drücken dieses 'eierige' Geräusch macht, dann weiß ich: Eine der beiden Stimmzungen, die für diesen einen Knopf zuständig sind, hat ein Problem. Es ist oft nur eine Seite, die aus der Reihe tanzt.
Ich habe mal gelesen, dass Profis vom Kammerton A sprechen, der bei 440 Hz liegen soll. Für mich sind das nur Zahlen. In meiner Welt erkenne ich eine Verstimmung daran, dass mein Körper Widerstand leistet. Wenn der Ton nicht mehr 'einrastet', sondern gegen mein Trommelfell drückt, dann ist er verstimmt. Es ist ein bisschen wie bei einer Gehörbildung für Akkordeon Anfänger, nur dass man die Fehler zuerst im Nacken spürt, bevor man sie benennen kann.
Wenn das Tremolo zum Störgeräusch wird
Meine Kleine ist zweichörig. Das habe ich erst vor ein paar Monaten im Juni gelernt, als die ersten warmen Tage kamen und ich draußen auf der Terrasse übte. Zweichörig heißt, dass pro Ton eigentlich 2 Stimmzungen gleichzeitig schwingen. Sie sind absichtlich ganz minimal versetzt gestimmt, damit dieser typische, schwebende Klang entsteht – das Tremolo. Das ist wie bei uns auf Station: Wenn zwei Kollegen perfekt zusammenarbeiten, läuft alles flüssig. Wenn aber einer der beiden auch nur einen winzigen Schritt zu langsam ist, gerät der ganze Rhythmus ins Stolpern.
Eine echte Verstimmung erkennt man daran, dass diese Schwebung nicht mehr angenehm weich ist, sondern 'schlägt'. Es hämmert fast im Ohr. Letzten Mittwoch habe ich drei Minuten lang versucht, eine einfache Melodie halbwegs hinzubekommen, aber das hohe G klang plötzlich so, als würde jemand mit einer Gabel an einer Fensterscheibe kratzen. Das ist der Moment, in dem man merkt, dass es nicht an den eigenen Fingern liegt, sondern am Metall im Inneren.
Staub, Wachs und die Zeit: Was im Inneren passiert
Ich habe mich gefragt, warum das nach so vielen Jahren (wer weiß, wie lange die Ziehharmonika in Güstrow im Regal stand) plötzlich schlimmer wird. Ein Kollege im Krankenhaus meinte mal, dass alles, was alt ist, Pflege braucht – egal ob Menschen oder Instrumente. Ich habe mich dann getraut, vorsichtig die Gehäusekappe abzunehmen, so wie man einen Verband wechselt, um zu sehen, was darunter liegt.
Dabei habe ich etwas Spannendes entdeckt: Die Stimmzungen sind auf kleinen Holzstöcken befestigt, und zwar mit einer Mischung aus Bienenwachs und Harz. Dieses Wachs wird über Jahrzehnte spröde. Mein besonderer 'Aha-Moment' war die Erkenntnis, dass oft gar nicht das Metall der Stimmzunge kaputt ist. Manchmal sind es einfach verhärtete Wachsreste, die die Schwingungseigenschaften subtil verändern. Das Wachs hält die Zunge nicht mehr richtig fest, oder ein winziges Stück hat sich gelöst und vibriert mit. Es ist wie eine alte Narbe, die bei Wetterumschwung plötzlich wieder zieht.
Wenn das Instrument jahrelang falsch lag, setzt sich auch Staub ab. Ein winziges Staubkorn auf der Stimmzunge reicht aus, um die Frequenz zu verändern. Deshalb versuche ich jetzt, meine Kleine viel bewusster wegzustellen. Inzwischen weiß ich, wie wichtig es ist, die Ziehharmonika richtig zu lagern, damit die Feuchtigkeit der Ostseeluft dem alten Wachs nicht noch mehr zusetzt.
Die kleinen Fehler akzeptieren
Ende August, als es so richtig heiß war, klang sie besonders schlimm. Ich dachte schon, ich müsste sie wegbringen, aber wer repariert schon ein 45-Euro-Instrument, ohne dass es ein Vermögen kostet? Ich bin dann dazu übergegangen, die Fehler als Teil ihres Charakters zu sehen. Wenn ein Patient auf Station ein bisschen heiser ist oder einen unregelmäßigen Puls hat, den er schon seit zwanzig Jahren mit sich herumträgt, dann versuchen wir ja auch nicht immer, alles auf 'perfekt' zu trimmen, solange er sich damit wohlfühlt.
Manchmal hilft es auch schon, die Lufttaste beim Akkordeon richtig zu benutzen, um den Balg ohne Ton zu leeren und vielleicht ein bisschen Staub aus den Stimmstöcken zu pusten. Es ist kein Allheilmittel, aber es gehört zur Routine dazu, genau wie das Händedesinfizieren vor jedem Patientenkontakt.
Meine Ziehharmonika wird nie wieder klingen wie ein fabrikneues Instrument aus einer Werkstatt in Italien. Aber das muss sie auch gar nicht. Sie hat ihre Narben, genau wie ich nach einer Doppelschicht. Wenn ich nachts hier sitze, der Hund unter meinem Stuhl tief ein- und ausatmet und ich diese zehn Minuten auf den Knöpfen herumdrücke, dann ist mir dieses eine klirrende G egal. Es ist ein ehrlicher Ton. Er erinnert mich daran, dass nichts auf dieser Welt perfekt bleiben muss, um trotzdem wertvoll zu sein. Und solange die Nachbarin nicht wieder klopft – was sie seit Monaten nicht mehr getan hat – übe ich einfach weiter, Schwebung hin oder her.