Lufttaste beim Akkordeon richtig benutzen: Wie ich den Balg lautlos schließe

Es war letzte Woche nach einer langen Spätschicht auf der Kardiologie, irgendwann nach Mitternacht. Die Station war unruhig gewesen, zwei Notaufnahmen kurz vor Übergabe, und mein Kopf summte noch von den Monitorgeräuschen. Ich saß in meiner kleinen Küche in Warnemünde, das Fenster einen Spalt offen, damit die kühle Ostseeluft den Krankenhausgeruch aus meinen Haaren vertreibt. Ich wollte nur zehn Minuten auf 'der Kleinen' spielen, nur ein paar Takte, um runterzukommen. Aber am Ende des Liedes stand der Balg sperrangelweit offen, wie ein Patient, der nach Luft schnappt. Als ich ihn zudrückte, entwich ein schräger, ächzender Akkord, der so laut war, dass der Hund unter dem Tisch kurz aufknurrte. In diesem Moment begriff ich: Ich muss lernen, wie man leise atmet.

Das Rätsel an der Innenseite: Wenn der Balg nicht mehr zugeht

Seit ich die Ziehharmonika vor acht Monaten für 45 Euro auf diesem Trödelmarkt in Güstrow gefunden habe, lerne ich alles auf die harte Tour. Ohne Lehrer, ohne Plan. In den ersten Wochen dachte ich oft, das Instrument sei kaputt, wenn der Balg am Ende einer Melodie ganz ausgezogen war und ich keine Töne mehr auf 'Druck' übrig hatte. Ich habe dann versucht, das Ding einfach mit Gewalt zusammenzuschieben, was meistens in einem jämmerlichen Quietschen endete. Meine Nachbarin hat anfangs sogar gegen die Wand geklopft, was ich ihr nicht verübeln kann – es klang wie eine rostige Tür in einem Spukhaus.

Meine kleine Harmonika hat eine ganz spezifische Bauweise. Sie ist eine zweireihige diatonische Harmonika, was bedeutet, dass sie wechseltönig ist. Drücke ich eine Taste beim Ziehen, kommt ein anderer Ton als beim Drücken. Das macht die Sache mit der Luft so kompliziert. Manchmal braucht eine Melodie mehr 'Zug' als man Platz im Balg hat. Dann sitzt man da, die Arme weit gespreizt, und weiß nicht wohin mit der überschüssigen Luft. In der Schule habe ich nie ein Instrument gelernt, aber in der Pflege weiß ich: Wenn der Druck zu hoch wird, braucht man ein Ventil.

Nahaufnahme eines Daumens, der die Lufttaste an der Innenseite einer alten Ziehharmonika drückt.

Die Entdeckung des lautlosen Daumenknopfs

Irgendwann im letzten Frühjahr, als ich nach einer Nachtschicht noch zu aufgedreht zum Schlafen war, tastete ich die Rückseite der Bassseite ab. Da war dieser eine unscheinbare Knopf, direkt dort, wo mein linker Daumen ruht. Es ist ein glatter Metallknopf, ganz anders als die 8 Bassknöpfe an der Außenseite. Wenn man ihn drückt, passiert erst einmal: gar nichts. Kein Ton, kein Summen. Die Funktionsweise der Lufttaste ist nämlich eine Nullnummer im musikalischen Sinne – sie aktiviert 0 Stimmzungen. Sie öffnet lediglich eine große Klappe im Inneren, durch die die Luft ungehindert ein- und ausströmen kann.

Ich erinnere mich noch genau an dieses erste Mal. Das kühle, glatte Gefühl des Metallknopfs unter meinem Daumen, während der Staub der Jahrzehnte leise aus den Falten des Balgs wirbelt. Ich drückte den Knopf und schob den Balg zusammen. Es war ein fast magischer Moment. Kein Ton, nur ein sanftes Zischen, wie ein tiefes Ausatmen nach einer erfolgreichen Reanimation, wenn die Anspannung endlich abfällt. Das plötzliche Nachlassen der Spannung in meiner linken Schulter, wenn der Widerstand des vollen Balgs durch einen Knopfdruck einfach verschwindet, ist ein Gefühl, das ich inzwischen fast so sehr liebe wie das Spielen der Melodien selbst.

Die Lufttaste als Rhythmus-Instrument begreifen

Inzwischen sehe ich die Lufttaste nicht mehr nur als 'Notausgang', wenn mir der Platz ausgeht. Ich fange an zu verstehen, dass sie zum Rhythmus gehört. Anstatt den Luftknopf nur passiv zu drücken, wenn es brenzlig wird, versuche ich ihn als aktives Instrument zur Rhythmusgestaltung zu nutzen. Ich benutze ihn, um den Luftstrom kontrolliert zu stoppen, statt ihn nur entweichen zu lassen. Das ist ein bisschen wie beim Töne verbinden oder trennen lernen – die Stille zwischen den Tönen ist genauso wichtig wie der Klang selbst.

Letzten Mittwoch habe ich eine Melodie drei Minuten lang halbwegs hinbekommen, ohne dass der Balg am Ende 'verhungert' ist. Das Geheimnis war, die Lufttaste schon während kleiner Pausen in der Melodie ganz kurz anzutippen. Nur ein Bruchteil einer Sekunde, um den Balg wieder ein paar Zentimeter in eine komfortablere Position zu bringen. Es ist wie beim Blutabnehmen auf Station: Man braucht ein Gefühl für den Widerstand und muss im richtigen Moment nachgeben. Wenn man zu lange wartet, verkrampft man.

Ein schlafender Hund unter einem Stuhl, während im Hintergrund lautlos Akkordeon geübt wird.

Übung macht den Meister – auch ohne Notenkenntnisse

Es klappt natürlich noch nicht immer. Gestern Abend wollte ich eine neue Passage üben, aber meine Finger waren nach einer Doppelschicht so steif, dass sie sich nicht mehr einzeln bewegen wollten. Der Wechsel zwischen der Melodiereihe und dem Daumendruck auf die Lufttaste fühlte sich an, als müsste ich gleichzeitig Klavier spielen und einen Infusionsständer jonglieren. Aber das ist okay. Ich habe keine Musikausbildung und muss niemandem etwas beweisen. Wenn der Moll-Bass mal wieder daneben geht oder der Balg beim Schließen doch ein kleines Geräusch macht, dann ist das eben so.

Ich merke oft, wie wichtig die Konzentration beim Akkordeon üben ist, gerade wenn man wie ich unregelmäßige Arbeitszeiten hat. Manchmal sitze ich sonntagmorgens hier mit meinem Kaffee, der Hund schläft friedlich, und ich mache nichts anderes, als den Balg auf- und zuzuziehen – nur mit der Lufttaste. Ganz langsam. Einatmen, ausatmen. Es ist fast wie eine Meditation. Die Nachbarin hat sich übrigens seit Monaten nicht mehr beschwert. Vielleicht, weil ich jetzt gelernt habe, die Stille genauso sorgsam zu behandeln wie die Töne.

Mein Fazit nach acht Monaten

Die 'Kleine' vom Flohmarkt hat mir beigebracht, dass Lernen kein linearer Prozess ist. Es gibt Tage, da verstehe ich meine zwei Reihen der Ziehharmonika blind, und dann gibt es Tage, da finde ich nicht mal den Luftknopf. Aber dieses kleine Stück Metall an der Innenseite hat alles verändert. Es hat aus einem lauten, unhandlichen Kasten ein Instrument gemacht, das mit mir atmet. Falls du auch gerade erst anfängst: Such diesen Knopf. Er ist dein bester Freund, wenn du nachts üben willst, ohne das ganze Haus aufzuwecken. Er ist das Ventil für alles, was sich über den Tag angestaut hat. Und manchmal ist die lautlose Bewegung des Balgs genau das, was man braucht, um den Kopf für die nächste Schicht frei zu bekommen.

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