Gehörbildung für Akkordeon Anfänger: Intervalle und einfache Klänge erkennen

Es ist kurz nach Mitternacht. Ich bin gerade von der Spätschicht auf der Kardiologie gekommen, die Haare riechen noch nach Desinfektionsmittel und Krankenhausflur. In der Küche brennt nur das kleine Licht über dem Herd. Ich nehme 'die Kleine' vorsichtig aus dem Regal, setze mich hin und drücke einfach nur zwei Knöpfe gleichzeitig. Ein tiefer Bass, ein hoher Ton rechts.

Plötzlich klingt es wie ein Signal. Nicht wie die Alarme auf Station, Gott sei Dank, sondern eher wie ein Ruf. In diesem Moment, nach acht Monaten mit diesem Instrument vom Güstrower Flohmarkt, merke ich: Ich fange an zu hören, was ich da eigentlich mache.

Das Herz abhören – Warum Gehörbildung nichts mit Theorie zu tun hat

Am Anfang, in den ersten Wochen im Spätwinter, war alles nur Lärm. Ich habe gedrückt und gezogen, und meistens klang es schief. Ich dachte, ich müsste erst Noten lernen, um zu verstehen, warum manche Töne zusammenpassen und andere sich beißen wie zwei streitende Kollegen bei der Übergabe. Aber ich habe keine Zeit für Musikschulen. Mein Lehrplan ist mein Gehör.

In der Kardiologie lernen wir, auf die feinen Unterschiede im Herzrhythmus zu achten. Ein Stolpern, ein zu langes Zögern zwischen den Schlägen. Beim Akkordeon ist es ähnlich. Ein Intervall ist im Grunde nichts anderes als der Abstand zwischen zwei Tönen. Wenn ich zwei Knöpfe drücke, entsteht eine Spannung. Entweder sie fühlt sich ruhig an oder sie drängt irgendwohin.

Nach einem besonders anstrengenden Nachtdienst im Mai saß ich hier und habe zum ersten Mal bewusst versucht, nur den Abstand zu spüren. Ich habe gemerkt, dass die 12 Halbtöne, die eine Oktave bilden, wie eine kleine Treppe sind. Jede Stufe hat ein anderes Gefühl.

Nahaufnahme von Händen auf den Bassknöpfen einer kleinen Ziehharmonika

Die acht Bassknöpfe und das Geheimnis des Singens

Ich habe lange den Fehler gemacht, nur auf die rechte Hand zu schauen. Aber der wahre Schlüssel zum Hören liegt links. Meine kleine Ziehharmonika hat genau 8 Bassknöpfe. Das wirkt übersichtlich, aber weil sie wechseltönig ist – also beim Drücken und Ziehen unterschiedliche Töne erzeugt – ist es am Anfang ein totales Chaos im Kopf.

Ein Tipp, den ich für mich entdeckt habe: Ich singe die Bassläufe mit. Nicht laut, die Nachbarin muss ja nicht wieder an die Wand klopfen, nur ein leises Summen. Wenn ich den Bassknopf drücke und dazu summe, merke ich sofort, wenn mein Finger danebenliegt. Es ist wie Muskelgedächtnis beim Blutabnehmen – man spürt irgendwann blind, wo die Vene ist, oder eben, wo der Grundbass sitzt.

An einem stürmischen Sonntagmorgen im August habe ich angefangen, die Intervalle nicht als 'Terz' oder 'Quint' zu bezeichnen, sondern nach ihrem Charakter. Es gibt diesen einen Abstand, die große Terz. Wenn ich die treffe, spüre ich ein plötzliches Entspannen der Nackenmuskulatur. Es klingt hell, wie der erste Sonnenstrahl über der Warnow. Es ist der Klang, der ein Lied von 'traurig' auf 'fröhlich' umschaltet.

Vom Suchen zum Finden: Übungen zwischen den Schichten

Ich versuche nicht mehr, ganze Lieder zu erzwingen. Manchmal sitze ich nur zehn Minuten da und spiele 'Suchbilder' für die Ohren. Ich drücke einen Ton rechts und versuche, den passenden Bass links blind zu finden, nur nach dem Gehör. Das klappt oft nicht. Letzten Mittwoch habe ich drei Minuten lang nur einen einzigen Übergang geübt und ihn immer wieder verhauen. Die Finger wollten nach der Doppelschicht einfach nicht mehr einzeln mitspielen.

Aber dann gibt es diese Momente, meistens während der ersten kühlen Herbstnächte jetzt im September, wo es klickt. Wenn ich merke, dass das Gehör schneller ist als der Verstand. Ich habe früher oft gedacht, ich bräuchte eine Struktur, wie ich sie in meinem Artikel Von Zufallstönen zum ersten Lied: Struktur beim Ziehharmonika lernen finden beschrieben habe. Aber das Gehör braucht keine Tabellen. Es braucht Wiederholung.

Gehörbildung als Feierabendritual

Manchmal frage ich mich, warum ich mir das antue. Warum ich nicht einfach den Fernseher anmache. Aber dieses Hinhören, dieses Suchen nach dem 'richtigen' Klang, ist wie eine Reinigung. Auf Station muss ich funktionieren, Protokolle ausfüllen, Medikamente stellen. Hier, mit der Ziehharmonika auf dem Schoß, darf ich suchen. Ich darf danebengreifen.

Inzwischen erkenne ich einfache Klänge oft schon, bevor ich den Knopf drücke. Es ist eine Form von innerem Singen. Ich weiß noch, wie ich im Sommer darüber schrieb, wie das Spielen der Ziehharmonika beim Einschlafen nach der Nachtschicht hilft. Das liegt vor allem daran, dass man sich auf die Töne konzentrieren muss und der Lärm des Tages im Kopf leiser wird.

Wenn du auch gerade erst anfängst: Erwarte nicht zu viel. Musiktheorie ist toll, aber für uns Späteinsteiger ist das Gefühl wichtiger. Wenn ein Zusammenklang dich zum Lächeln bringt, dann war es das richtige Intervall. Egal, wie es heißt. Mein Hund schläft inzwischen tief und fest unter meinem Stuhl, selbst wenn ich mal einen schrägen Ton erwische. Er hat sich wohl an meine Lernkurve gewöhnt.

Es ist ein langer Weg, fast wie eine Ausbildung zur Fachkraft, nur ohne Prüfungsstress. Man lernt, die Stille zwischen den Tönen zu schätzen und die kleinen Siege zu feiern, wenn die linke und die rechte Hand endlich mal dasselbe Lied singen. Und jetzt, wo die Nacht über Warnemünde liegt, ist es genau die richtige Zeit, um noch einmal kurz diesen hellen Terz-Klang zu suchen, bevor ich endlich ins Bett falle.

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