
Zwei Fragen erreichen mich gerade öfter als alle anderen, wenn es um die Fingerbeweglichkeit auf der Ziehharmonika geht. Heinrich aus Stralsund, der als Rentner erst spät mit dem Instrument angefangen hat und dabei bemerkenswert gelassen bleibt, egal wie langsam es vorangeht, fragt mich regelmäßig, ob er vor dem Üben dehnen soll. Eine Kollegin von der Kardiologie-Station wiederum will wissen, ob das Training an den Knöpfen überhaupt etwas mit unserem Arbeitsalltag zu tun hat. Beide Fragen laufen am Ende auf dasselbe hinaus: Beweglichkeit in den Fingern entsteht nicht durch Kraft oder Dehnung, sondern durch kurze, wiederholte Bewegungen, die Gehirn und Hand langsam aufeinander abstimmen.
Muss ich vor dem Spielen wirklich dehnen?
Nein – und das war für mich selbst eine Überraschung, weil ich anfangs genau das Gegenteil dachte. Statisches Dehnen vor dem Spiel macht die Sehnen eher träge, und gerade die schnellen Wechsel zwischen den Knöpfen brauchen Spannung, keine Weichheit. Auf Station ist das ähnlich: Wer beim Legen eines Zugangs die Hand verkrampft und die Muskeln stur dehnt, trifft die Vene nicht. Es braucht eine lockere Bereitschaft in den Sehnen, kein Ziehen bis zum Anschlag.
Ein leichtes Kribbeln im Handgelenk nach ein paar Minuten gezielter Übung ist ein besseres Zeichen als ein stechender Dehnungsschmerz vorher. Federnde, kleine Bewegungen bringen mehr als jede Dehnübung, die man sich von Sportlerinnen abschaut, und kalte Hände löst man besser locker in der Luft als mit Gewalt.
Der kleine Finger, der einfach nicht mitmacht
Der Ringfinger und der kleine Finger wollen bei mir fast immer gemeinsam losgehen, egal wie sehr ich versuche, nur einen einzelnen zu bewegen. Genau das macht die ersten Übungen auf einer zweireihigen Ziehharmonika so mühsam, weil sich diese Unabhängigkeit erst nach und nach aufbaut. Erste Übungen auf der zweireihigen Ziehharmonika für Anfänger ohne Vorkenntnisse setzen genau da an, lange bevor überhaupt eine Melodie dabei herauskommt.

Was ein teurer Anfängerkurs mir nicht beibringen konnte
Ich habe es auch mit einem klassischen Anfängerkurs an einer Musikschule versucht, weil ich dachte, eine Lehrerin könnte mir schneller zeigen, wie man diese Unabhängigkeit der Finger trainiert. Der Stundenpreis lag so hoch, dass ich mir das neben dem Schichtdienst nur wenige Male leisten konnte, und die Übungen waren ohnehin auf ein chromatisches Knopfakkordeon zugeschnitten, nicht auf die Wechseltönigkeit meiner Kleinen. Nach drei Terminen habe ich aufgehört und stattdessen wieder allein weitergemacht.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass ein Einstieg ganz ohne Lehrerin durchaus möglich ist, solange man bereit ist, sich die Übungen selbst zusammenzusuchen und geduldig mit den eigenen Fehlgriffen zu bleiben.
Wie viele Minuten am Tag wirklich reichen
Zehn Minuten konzentriertes Drücken der Bassknöpfe bringen mehr für die Beweglichkeit als eine Stunde frustriertes Üben mit bereits müden Sehnen. Das deckt sich mit dem, was ich von der Station kenne: Auch beim Blutabnehmen zählt die saubere Wiederholung in kurzen, wachen Momenten mehr als stures Drandranbleiben, wenn die Konzentration längst weg ist.
Weil die Ziehharmonika wechseltönig ist, muss man bei jedem Knopf neu entscheiden, ob gerade Druck oder Zug den richtigen Ton bringt, und genau dieses ständige Umschalten hält die Gelenke in Bewegung. Wechseltönige Ziehharmonika spielen: Wie man Druck und Zug beim Lernen meistert war für mich lange das schwierigste Stück Theorie, bis die Finger es irgendwann übernommen haben, ohne dass ich noch länger darüber nachdenken musste.

Hilft das auch bei der Arbeit auf Station?
Meine Kollegin Elsbeth, die immer eine selbstgekochte Suppe zur Frühstückspause mitbringt, hat mich das neulich gefragt. Am ehesten merke ich es bei kleinteiligen Aufgaben: Wenn ich von Hand dokumentieren muss, weil das System ausgefallen ist, bleiben die Finger lockerer als früher, und auch beim Legen einer Kanüle ist da eine Präzision, die vorher nicht so da war.
Am Ende ist das reine Handkoordination, kein Krafttraining, und dieselbe Koordination, die ich abends an den Knöpfen übe, hilft offenbar auch tagsüber am Bett.
Woran du merkst, dass sich etwas bewegt
Ein gutes Zeichen ist nicht, dass eine Melodie plötzlich makellos klingt, sondern dass eine Passage läuft, ohne dass du bei jedem Knopf nachdenken musst. Neulich abends hob mein Hund mitten im Schlaf kurz den Kopf, als ich eine Wechselbass-Passage zum ersten Mal ohne Stocken durchgespielt habe – sonst schläft er stur durch jeden meiner Fehlgriffe. An solchen Nebensächlichkeiten merkst du es manchmal eher als am eigenen Gefühl.
Die Haltung spielt ebenfalls mit hinein, vor allem wenn der Gurt drückt oder du krumm sitzt, dann können die Finger gar nicht frei arbeiten, so sauber du sie sonst auch trainierst. Für müde Hände nach einer Doppelschicht schreibe ich öfter darüber, wie das Spielen der Ziehharmonika beim Einschlafen nach der Nachtschicht hilft, wenn die Schultern noch die ganze Anspannung der Station tragen.

Heinrich aus Stralsund wird nie in einer Konzerthalle stehen, und ich auch nicht, aber genau darum geht es bei dieser Beweglichkeit nicht. Wer als Erwachsener spät einsteigt, gewinnt am meisten, wenn er die Finger in kurzen, wachen Minuten trainiert statt in langen erschöpften Sessions, und lieber locker in der Luft dehnt, als die Sehnen gewaltsam zu strecken. Das ist die eine Fingerübung, die ich wirklich jedem empfehle, der wie wir beide spät im Leben noch einmal von vorne anfängt.