
Ein Shanty kennt keine Vorschrift. Eine Kardiologie-Station kennt nur Vorschriften. Genau dazwischen übe ich gerade Akkordeon ohne Noten, mit einer zweireihigen Ziehharmonika, die eigentlich nur für zehn Minuten am Abend gedacht war und sich inzwischen in mein ganzes Sonntagsdenken geschlichen hat. Shanties lernen war nie der Plan – maritime Musik hat mich einfach eingeholt, weil ich in Warnemünde wohne und die Melodien schon kannte, bevor ich wusste, dass meine Finger sie überhaupt greifen können.
Kurz vorweg, weil das dazugehört: In diesem Text verlinke ich zu Kursen, die ich selbst ausprobiert habe, teils mit Affiliate-Links. Bucht jemand darüber, bekomme ich eine kleine Provision, der Preis für dich ändert sich dadurch nicht. Ich schreibe nur über das, was bei mir zwischen Spätdienst und Sonntagmorgen wirklich hängengeblieben ist.
Warum passen Shanties zu meinem Ziehharmonika-Einstieg?
Klassik oder Musiktheorie kommen für mich sowieso nicht infrage, dafür sind meine Finger nach acht Stunden auf Station zu steif und mein Kopf zu leer. Shanties dagegen sind einfach gebaut, oft im geraden Takt, fast wie gemacht für jemanden, der nach der Schicht noch zehn Minuten Kraft für ein Instrument übrig hat.
Der Takt steckt bei diesen Liedern schon im Text, und wenn ich mitsinge, halte ich den Rhythmus fast von selbst, auch wenn meine Finger noch suchen.
Bei so einem Shanty trägt der Wechselbass quasi den Ruderschlag mit, dieses Hin und Her zwischen Bass und Akkord klingt für mich fast wie das Auf und Ab an einer Kaikante.
Ich lerne einfache Melodien auf der Ziehharmonika nach Gehör, weil meine Augen nach den vielen Patientenakten am Bildschirm abends einfach keine Lust mehr auf ein Notenblatt haben.
Meine Kleine ist außerdem kein richtiges Akkordeon, sondern eine zweireihige Ziehharmonika, und der Unterschied macht bei Shanty-Läufen mehr aus, als mir am Anfang klar war.
Angefangen habe ich ohne Lehrerin, einfach reingerutscht, und für diese Art Lieder reicht das erstaunlich weit.

Die Nachbarin lobt mich am Briefkasten
Woche 12 seit dem Flohmarkt in Güstrow, und ich weiß das genau, weil ich es aufschreibe wie jede Woche.
Neulich stand ich mit der Post in der Hand vor dem Haus, als die Nachbarin an ihrem Briefkasten vorbeikam und meinte, das habe vorhin durchs Fenster richtig schön geklungen – dieselbe Nachbarin, die sich am Anfang über meine Übungszeiten beschwert hatte.
Ich habe das am Telefon sofort meiner alten Freundin Almut erzählt, die ich noch aus der ersten Woche unserer Pflegeausbildung kenne und die heute in einer Reha-Klinik arbeitet.
Almut hat so laut gelacht, dass ich das Telefon vom Ohr halten musste, ausgerechnet über die Geschichte mit der Nachbarin am Briefkasten.
An einem freien Nachmittag bin ich rüber an den Ostseestrand bei Markgrafenheide gelaufen, allein, mit dem Ohrwurm vom drunken sailor im Kopf, und habe mich gefragt, ob es die Melodie oder die frische Luft war, die mir seit Wochen gutgetan hat.
Finger auf dem Tisch, aber ohne Erfolg
Nicht alles, was ich ausprobiert habe, hat funktioniert. Nach einer Spätschicht habe ich einmal versucht, die Fingerfolge ganz ohne die Ziehharmonika zu üben, nur mit den Händen auf der Tischplatte in der Küche, weil ich dachte, das spart Zeit.
Es hat nichts gebracht. Ohne den Widerstand vom Balg und ohne die echten Knopfabstände haben sich meine Finger an etwas erinnert, das es auf dem Instrument gar nicht gibt, und am nächsten Abend musste ich fast wieder von vorn anfangen.
Welcher Finger welchen Knopf nimmt, ist bei den schnellen Läufen rechts sowieso schon eine andere Geschichte als bei den langsamen Balladen.
Die linke Hand mit ihrer eigenen kleinen Basslinie läuft bei mir noch getrennt vom Kopf mit, ich weiß ehrlich nicht, wann sich das zusammenfügen soll.
Balgkontrolle ist bei so einem rhythmischen Stück nochmal eine ganz eigene Baustelle, dazu schreibe ich ein andermal mehr.
Auf Station sitzt so ein Handgriff beim Blutabnehmen irgendwann im Muskelgedächtnis, ganz ohne Nachdenken. Beim Akkordeon merke ich gerade, wie lang dieser Weg tatsächlich ist, wenn man ihn zum ersten Mal geht.

Nach Gehör statt nach Noten
Weil ich keine Noten benutze und oft nur bei wenig Licht übe, verlasse ich mich inzwischen komplett auf das Gefühl in den Fingerspitzen statt aufs Hinsehen.
Es gibt sowas wie eine Griffschrift extra für Leute, die keine klassischen Noten lesen, aber wie die im Detail funktioniert, hebe ich mir für einen anderen Sonntag auf.
Welche Taste welchen Ton macht, habe ich mir ohnehin nie richtig eingeprägt, ich finde die Knöpfe eher über die Bewegung als über Wissen.
Dieses leise Schweben im Ton, das manche Ziehharmonikas haben, hat meine Kleine auch, nur wusste ich lange nicht, dass es dafür überhaupt einen Namen gibt.
Der Hund liegt in seinem Körbchen unter dem Sessel und schläft meistens einfach weiter, egal wie oft ich denselben Takt wiederhole.
Warum widerspricht Tove aus Greifswald?
Eine Leserin aus Greifswald, Tove Reimann, hat mir vor ein paar Wochen geschrieben, nachdem sie einen älteren Artikel von mir über die Bassknöpfe gefunden hatte. Sie spielt das geerbte Hohner ihrer Großmutter und ist Lehrerin, was man ihren Nachrichten anmerkt.
Sie ärgert sich, wenn ich schreibe, man solle eine Melodie einfach fühlen, weil ihr das für den Unterricht viel zu ungenau ist, und ich muss zugeben, sie hat recht.
Also, etwas konkreter: Meine Sitzhaltung auf dem Plastikstuhl draußen ist bestimmt nicht lehrbuchreif, aber Rücken gerade, Instrument nah am Körper, Ellbogen locker, das reicht für zehn Minuten am Abend.
Ein Kurs kommt an Bord
Irgendwann hat reines Herumdrücken nicht mehr gereicht, ich habe Struktur gebraucht. Ich habe mich für den Ziehharmonika Anfängerkurs von Harmonicademy entschieden, 21 Lektionen, Einmalkauf, kein Abo, worüber ich froh war.
Der Kurs hat mir die Handkoordination beim Akkordeon nochmal anders erklärt, gerade den einen Bass-Knopf, der bei mir ewig nicht sitzen wollte. Wer es flexibler mag, findet vielleicht bei meineMusikschule Akkordeon mehr, aber für meine diatonische Kleine passt der spezialisierte Kurs einfach besser.
Wie man so ein Flohmarktstück danach überhaupt pflegt, ist nochmal ein eigenes Thema für sich, das ich hier nicht aufmache.

Jeder Shanty verzeiht Fehler
Sonntagmorgen, Kaffee auf dem Plastikstuhl draußen. Auch wenn die Terrasse zum Hof liegt, riecht es nach Ostsee, wenn der Wind aus der richtigen Richtung kommt. Was ich inzwischen weiß: Ein Shanty verzeiht Fehler, solange der Takt weiterläuft, das ist die eine Lehre, die ich aus jedem einzelnen mitnehme, egal wie oft die Finger daneben greifen.
Die Ziehharmonika ist für mich kein trauriges Fundstück mehr vom Trödelmarkt in Güstrow. Wenn du auch so ein Instrument im Schrank hast, das schon lange wartet: Fang mit einem einzigen Shanty an, nicht mit einer ganzen Liedersammlung, dann merkst du schneller, ob dir das liegt.

Vielleicht laufen wir uns ja mal am Ostseestrand bei Markgrafenheide über den Weg. Ich bin die mit der kleinen Zweireihigen und dem Hund an der Leine. Und falls dich interessiert, wie man so ein Instrument bei der salzigen Luft hier oben in Schuss hält, schau dir meine Tipps zur Akkordeon-Pflege bei Meeresluft an.