
Es war wieder so eine Nacht im September, kurz nach halb eins. Die Spätschicht auf der Kardiologie hing mir noch in den Knochen, dieses bleierne Gefühl in den Waden und das vertraute Brennen im unteren Rücken vom Umlagern der Patienten. Ich saß auf meinem alten Küchenstuhl in Warnemünde, die Terrassentür einen Spalt offen, und wollte eigentlich nur zehn Minuten Ruhe finden. Aber als ich die Riemen überstreifte und „die Kleine“ mit ihren 3,2 Kilo auf meine Oberschenkel stemmte, passierte es: Ein stechender Schmerz zog vom Lendenwirbel bis hoch in den Nacken. Ich merkte, dass ich versuchte, das Instrument wie einen schwierigen Patienten festzuhalten, statt mit ihm zu atmen.
Wenn die Begeisterung im Kreuz zieht
Ich lerne jetzt seit etwa acht Monaten auf dieser zweireihigen Ziehharmonika, die ich damals in Güstrow für 45 Euro gefunden habe. Ohne Lehrer, ohne Noten, nur ich und diese 21 Knöpfe auf der rechten Seite. Am Anfang war ich so konzentriert darauf, überhaupt einen sauberen Ton zu treffen, dass ich mich regelrecht über den Balg gekrümmt habe. Ich wollte die Knöpfe sehen, wollte kontrollieren, was meine Finger da machen. Aber mein Körper hat mir schnell die Quittung gegeben.
An jenem schwülen Juliabend zuvor war es besonders schlimm. Ich dachte, ich müsste kerzengerade sitzen wie eine Eins, die Schultern hochgezogen vor Anspannung. Mein Hund schlief wie immer unter dem Stuhl, und ich saß da oben wie ein Brett. Nach einer Viertelstunde konnte ich kaum noch aufstehen. In der Klinik predigen wir den Patienten immer das rückengerechte Arbeiten, aber bei meinem neuen Hobby habe ich das völlig vergessen. Ein Instrument ist eben auch eine körperliche Last, die man ausbalancieren muss.

Der Küchenstuhl und die 45 Zentimeter Wahrheit
Ich habe angefangen, meine Umgebung zu hinterfragen. Mein gewöhnlicher Küchenstuhl hat eine Standard-Sitzhöhe von 45 Zentimetern. Das passt für das Abendessen, aber für die Ziehharmonika war es erst mal ungewohnt. Das Instrument muss stabil stehen. Ich habe gelernt, dass es nicht reicht, sich einfach nur hinzusetzen. Die Füße müssen fest auf dem Boden stehen, fast so, als wollte man gleich aufstehen, um einen Notruf auf Station entgegenzunehmen.
Besonders wichtig war für mich die Entdeckung, dass die Ziehharmonika auf dem linken Oberschenkel ruhen muss. Wenn sie dort festen Halt findet, nehmen die Schultern viel weniger Last auf. Ich habe früher oft im Stehen probiert zu spielen, aber ich habe schnell gemerkt, dass Ziehharmonika spielen im Stehen oder Sitzen einen riesigen Unterschied für das Durchhaltevermögen macht, besonders wenn man ohnehin schon acht Stunden auf den Beinen war.
Das Geheimnis der dynamischen Aufrechten
Überall liest man, man solle „gerade“ sitzen. Aber „gerade“ bedeutet oft „starr“. Mein Durchbruch kam, als ich begriff, dass ein ganz leichtes, bewusstes Rundmachen im unteren Rücken – kein Zusammensacken, sondern eher eine elastische Bereitschaft – viel mehr bringt. Wenn ich mich ein ganz kleines bisschen lockerer lasse, kann mein Oberkörper mit der Bewegung des Balgs mitgehen. Das Gewicht verlagert sich dynamisch, statt ständig auf dieselben Wirbel zu drücken.
Es ist ein bisschen wie beim Blutabnehmen: Wenn man zu verkrampft ist, trifft man die Vene nicht. Das Muskelgedächtnis trainieren funktioniert nur, wenn der Rest des Körpers nicht im Alarmmodus ist. Wenn ich heute den ersten tiefen Bassknopf drücke, atme ich tief ein. Dabei entweicht dieser Geruch von altem Leder und Staub aus dem Balg, den ich mittlerweile so liebe. Es riecht nach Feierabend und nach etwas, das nur mir gehört.

Den Blick vom Griffbrett lösen
Was meinen Nacken am meisten gerettet hat, war eine ganz simple Sache: Ich schaue nicht mehr ständig auf die Tasten. Am Anfang habe ich meinen Kopf so weit nach vorne geschoben, um die 21 Diskanttasten zu überwachen, dass meine Halswirbelsäule regelrecht rebelliert hat. Jetzt versuche ich, den Blick geradeaus zu richten, aus dem Fenster Richtung Meerhorizont, auch wenn es nachts nur dunkel ist.
Dabei spüre ich manchmal dieses plötzliche Knacken in der Brustwirbelsäule, das sich wie eine Befreiung anfühlt, wenn ich die Schultern endlich nach hinten unten sinken lasse. Die Nachbarin hat sich übrigens seit Wochen nicht mehr beschwert. Ich glaube, sie merkt, dass die Töne jetzt ruhiger fließen, weil ich nicht mehr mit dem Instrument kämpfe, sondern es einfach auf mir ruhen lasse. Es ist jetzt Sonntagvormittag, der Kaffee dampft neben meinem Notizbuch, und ich habe gerade zwanzig Minuten gespielt. Ohne Ziehen im Kreuz, ohne Schmerzmittel, einfach nur ich und „die Kleine“.
Vielleicht ist das die wichtigste Lektion aus acht Monaten ohne Lehrer: Das Instrument muss sich dir anpassen, nicht umgekehrt. Wenn der Rücken brennt, ist es kein Zeichen von mangelnder Disziplin, sondern ein Signal, dass die Statik nicht stimmt. Und manchmal hilft es einfach, das rechte Bein ein Stückchen nach außen zu stellen, um dem Balg mehr Platz zu geben. Man lernt eben nie aus, egal ob auf Station oder auf der Terrasse in Warnemünde.